Bildnachweis: Szene aus Clerks | © Paramount Home Entertainment

Der Tot von physischen Medien in Deutschland: Wie DVD und Blu-ray vom Massenprodukt zur Sammlernische wurden

von Mike Kaminski

Von Mike Kaminski

Ein Sterben in Zeitlupe – und warum es mehr ist als Nostalgie

„Physical Media is dead“ – dieser Satz fällt inzwischen so oft, dass er fast schon wie eine Naturgesetz-Beobachtung wirkt. Und ja: Wer heute durch viele Elektronikmärkte läuft, sieht nicht mehr die meterlangen Regalwände voller DVDs und Blu-rays, die noch vor zehn, fünfzehn Jahren selbstverständlich waren. Gleichzeitig wird das Streaming-Abo im Alltag so beiläufig genutzt wie früher das lineare Fernsehen. Aber die eigentliche Geschichte ist komplizierter und relevanter, als es der kulturpessimistische One-Liner vermuten lässt.

Denn das Verschwinden physischer Medien ist nicht nur ein Formatwechsel von Disc zu Cloud, sondern ein grundlegender Wechsel der Machtverhältnisse: weg vom Besitz hin zum Zugriff, weg von Sammlung und Archiv hin zu Lizenz und Verfügbarkeit auf Abruf. Das hat Folgen für Konsument:innen, für den Handel, für Distributoren und am Ende für die Filmkultur selbst.

Deutschland ist dafür ein besonders gutes Fallbeispiel: Der Markt ist groß genug, um Trends sauber zu erkennen, aber so klein, dass strategische Entscheidungen internationaler Studios hier schneller zu einem Rückzug führen. Und genau das passiert.

Von DVD-Boom und Blu-ray-Versprechen zur schleichenden Entwertung der Disc

Die DVD war in Deutschland lange mehr als ein Datenträger. Sie war das Symbol dafür, dass Film „zu Hause“ endgültig erwachsen geworden ist. Bonusmaterial, Audiokommentare, alternative Fassungen – das alles gehörte plötzlich zum Standardrepertoire. Mit der Blu-ray kam ab 2006 das Qualitäts-Argument dazu. Echtes HD, bessere Tonformate, ein Heimkino-Versprechen, das nicht mehr nach Kompromiss roch.

Der Bruch kam nicht über Nacht, er kam in Wellen. Erst digitale Leihe und digitaler Kauf, dann SVoD-Abos, dann die allmähliche Gewöhnung daran, dass „ich schaue das später“ faktisch „ich hoffe, es ist später noch da“ bedeutet. In den 2010ern war die Disc noch präsent, aber sie verlor ihr Selbstverständnis als Standart. Und sobald ein Markt diese Standart-Rolle verliert, muss er sich neu erfinden: entweder über Preis (Restposten, Ramschkorb) oder über Wert (Collector’s Editions). Deutschland hat inzwischen beides, nur eben nicht mehr als Massenrealität, sondern als parallele Nischenlogik.

Der deutsche Markt heute: Rekordumsätze, aber die Disc ist nur noch ein Splitter

Wenn man den deutschen Home-Video-Markt oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, es sei alles in bester Ordnung. Die Ausgaben steigen, die Nachfrage ist da. Filme und Serien werden konsumiert wie nie.

Nur: Der größte Teil dieses Wachstums liegt im Abo-Geschäft, nicht im physischen Verkauf.

Die Filmförderungsanstalt beziffert den reinen Home-Video-Markt (SVoD, Leihe, Kauf) für 2024 auf 3,7 Milliarden Euro – ein neuer Rekordwert. Gleichzeitig sinken die physischen Formate weiter. Kauf-DVD/Blu-ray liegen 2024 nur noch bei 268 Millionen Euro und machen damit rund sieben Prozent des Home-Video-Markts aus.

Noch plastischer wird es, wenn man auf die Nutzendenzahlen schaut. Laut SPIO nutzten 2024 22,1 Millionen Personen SVoD-Angebote, während nur noch 2,4 Millionen DVDs kauften. Das ist nicht „leichter Rückgang“, das ist ein Strukturbruch: Von einem Massenmarkt hin zu einem Segment, das kulturell laut ist, aber ökonomisch vergleichsweise klein.

Der zentrale Punkt ist: Die Disc verschwindet nicht, weil niemand mehr Filme liebt, sondern weil das Geschäftsmodell der Branche sich verschoben hat. Streaming ist planbarer, skalierbarer, wiederkehrender Umsatz. Disc-Verkäufe sind punktuell, logistikorientiert und riskanter. Und genau entlang dieser Linie reagieren Studios und Handel.

Streaming als Standard: Komfort, Fragmentierung und die Rückkehr der Verfügbarkeitsangst

Streaming hat uns eine riesige Bequemlichkeit gebracht. Sofortzugriff, geräteübergreifend, ohne Regalplatz, ohne „wo ist die Disc?“. Aber dieser Komfort hat einen Preis, der nicht immer auf der Monatsrechnung steht.

Der erste Preis ist Fragmentierung. Der zweite ist Lizenzlogik. Und der dritte, der kulturell heikelste, ist Versionierung.

Zugriff statt Besitz: Das Lizenzproblem als Alltagserfahrung

Bei physischen Medien ist die Logik simpel. Du kaufst das Ding, du hast das Ding. Bei Streaming kaufst du nichts, du mietest Zugriff. Das führt zu einer paradoxen Situation: Noch nie war es so einfach, irgendetwas zu starten und gleichzeitig ist es überraschend häufig schwer, genau den Film zu finden, den man wirklich sehen will. Das ist keine Einzelwahrnehmung, sondern eine Konsequenz aus territorialen Rechten, wechselnden Katalogen und exklusiven Fensterstrategien.

Zensur und Versionierung: Wenn „der Film“ plötzlich nicht mehr „der Film“ ist

Eine der unangenehmsten Nebenwirkungen des Plattformzeitalters ist, dass sich Inhalte still verändern können. Szenen werden gekürzt, Details überdeckt, Shots angepasst. Man muss dabei nicht sofort an großpolitische Zensur denken, oft sind es „kleine“ Eingriffe, die aber ein grundsätzliches Prinzip verletzen: die Stabilität eines Werks.

Ein konkretes, gut dokumentiertes Beispiel ist Falsches Spiel mit Roger Rabbit. TV Spielfilm berichtet über zensierte bzw. entschärfte Fassungen bei Disney+ und nennt explizit den Fall: „Kein Blick unters Kleid“ – im Kontext der berüchtigten Szene, in der Jessica Rabbit kurz aus Benny dem Taxi geschleudert wird und die ursprüngliche Fassung einen sehr kurzen, freizügigeren Moment sichtbar machte. In der Disney+ Fassung sei dieser Moment entschärft.

Das Entscheidende daran ist weniger die konkrete Szene als das Signal. Streaming kann die „Version“ eines Films verändern, ohne dass du als Zuschauer:in einen neuen Datenträger kaufst oder bewusst eine andere Edition auswählst. Bei der Disc ist genau das anders. Wenn du eine bestimmte Veröffentlichung besitzt, besitzt du diese konkrete Fassung, inklusive ihres Bonusmaterials, ihrer Tonmischung, ihrer Untertitel und ihrer Schnittentscheidungen. Streaming macht das Werk flüssig. Für manche ist das egal. Für Filmkultur und Archivierung ist es ein Problem.

Und dieses Problem ist nicht theoretisch. Es reicht schon, dass Plattformen je nach Region unterschiedliche Fassungen ausspielen oder dass ältere Inhalte „familienfreundlicher“ gemacht werden. Wer physische Medien verteidigt, verteidigt oft genau diesen Punkt: die Integrität einer Veröffentlichung.

Studio-Strategien: Wenn Majors den physischen Vertrieb abgeben, ist das kein Detail, sondern ein Statement

In Deutschland lässt sich der Bedeutungsverlust der Disc besonders gut an einem Indikator ablesen: Große Studios betreiben den physischen Vertrieb nicht mehr unbedingt selbst, sondern übergeben ihn an Partner. Das ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar und kulturpolitisch ein Warnsignal.

Sony Pictures: Rückzug aus dem DACH-Disc-Geschäft – Plaion übernimmt

Sony Pictures hat in der DACH-Region den physischen Home-Entertainment-Bereich nicht einfach „kleiner“ gemacht, sondern strukturell umgebaut. Plaion Pictures übernahm den exklusiven physischen Vertrieb der Sony-Titel in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das wurde sowohl in Branchenberichten als auch durch Plaion selbst kommuniziert. Wenn ein Major wie Sony sein Disc-Geschäft regional nicht mehr selbst führt, ist das ein Zeichen dafür, dass die Marge und die Planbarkeit nicht mehr im Verhältnis zum Aufwand stehen.

Paramount als weiteres Signal: Leonine übernimmt ab 2026

Auch bei Paramount ist der Trend sichtbar. Ab 2026 übernimmt Leonine Studios in der DACH-Region Vertrieb und Distribution der physischen Home-Entertainment-Produkte von Paramount – also DVD, Blu-ray und 4K UHD, inklusive Katalog.

Das Bild, das daraus entsteht, ist klar. Die Disc wird zunehmend von Spezialisten verwaltet. Die Majors halten sie noch am Leben, aber eher über Partnerschaften und Lizenzmodelle, nicht als strategisches Kernfeld. Auch das ist bezeichnend: Der Markt konsolidiert sich um einige wenige Distributions-Hubs, die die Nische effizient bedienen, während die Majors sich auf Streaming-Ökosysteme konzentrieren.

Der Handel: Wenn Regalfläche verschwindet, verschwindet auch Alltagskultur

Der stationäre Handel war jahrzehntelang der Wallfahrtsort für Heimkino-Enthusiasten, aber auch der Ort, an dem Film nebenbei stattfand. Man ging wegen eines Kabels oder eines Spiels in den Markt und nahm eine DVD mit. Diese Impulskäufe sind im Streamingzeitalter systematisch schwerer. Es gibt kein „zufällig am Regal hängen geblieben“, höchstens „Algorithmus hat’s mir reingespült“.

Dass Filmabteilungen in vielen Märkten schrumpfen oder verschwinden, wird seit einiger Zeit breit beobachtet und inzwischen auch regelmäßig in Communities dokumentiert. Die DVD/Blu-ray-Fläche wird durch Klemmbausteine ersetzt und nur noch Rest-Collections und Abverkäufe sind übrig. Wenn Flächen im Handel knapp werden, gewinnt die Ware, die schneller dreht und weniger erklärungsbedürftig ist.

Für physische Medien ist das fatal, weil Sichtbarkeit ein Teil ihres Ökosystems war. Wenn die Disc nur noch online stattfindet, verändert sich das Publikum. Weg vom Gelegenheitskäufer, hin zum gezielten Sammler, der ohnehin weiß, wonach er sucht. Und damit sind wir beim Kern der neuen Disc-Realität.

Heimkino als Sammlernische: Von der Filmwand zur Boutique-Edition

Der physische Markt überlebt zunehmend dort, wo Streaming schwach ist: bei Qualität, Kuratiertheit, Editionierung und bei dem Wunsch, ein Werk „wirklich“ zu besitzen.

Die Disc wird damit etwas, das früher selbstverständlich war und heute wieder erklärungsbedürftig ist: ein Objekt. Und Objektkultur funktioniert anders als Gebrauchskultur. Für viele Sammler:innen ist nicht nur der Film entscheidend, sondern das Paket. Mediabook-Artwork, Booklets, Restaurierungen, limitierte Nummerierungen, liebevoll betreute Extras. Wer diese Zielgruppe bedient, verkauft nicht nur Inhalt, sondern Wert.

Das ist die Vinyl-Logik des Filmmarkts. Nicht die Masse trägt das Geschäft, sondern Enthusiasmus. Und Enthusiasmus kann funktionieren, aber er hat Nebenwirkungen. Steigende Preise, künstliche Verknappung und ein Sekundärmarkt, der nicht selten toxisch wird.

Mediabooks, Steelbooks, Scalper: Wenn Knappheit zum Geschäftsmodell wird

Hier liegt einer der zentralen Widersprüche der neuen Disc-Ära. Einerseits retten Boutique-Labels und Collector’s Editions die physischen Medien, weil sie überhaupt noch Kaufanreize schaffen. Andererseits verschiebt sich das Gefühl von „Film für alle“ zu „Film als Prestigeobjekt“. Viele Mediabooks und Sondereditionen sind nicht per se Abzocke. Aufwendige Restaurierungen, hochwertige Drucksachen, zusätzliche Lizenzen für Extras: Das kostet. Problematisch wird es, wenn ein Teil der Preislogik nicht mehr aus Qualität, sondern aus Verknappung besteht. Dann wird die Veröffentlichung zum Event und der Film zur Ware, die man schnell sichern muss.

Scalper und der Sekundärmarkt: Profit aus der Sammelleidenschaft

Was im Gaming und Sneaker-Bereich seit Jahren bekannt ist, greift auch im Filmbereich: Scalper kaufen limitierte Editionen ohne Sammlerinteresse, nur um sie unmittelbar teurer weiterzuverkaufen. Dass dieser Preishebel real ist, sieht man auch an Preisvergleichen, die „Neu“ und „Gebraucht“ gegenüberstellen. Bei gelisteten 4K-Steelbook-Edition liegt der Neupreis im Handel deutlich niedriger, während „gebraucht“ teils massiv höher einsteigt.

Das ist kein Beweis für Scalping in jedem Einzelfall, aber es illustriert das Marktprinzip. Limitierung erzeugt Sekundärmarkt-Aufschläge.

Für Fans ist das doppelt bitter. Erstens, weil der Zugang zu bestimmten Editionen von Geschwindigkeit und Glück abhängt. Zweitens, weil ein Teil des Geldes nicht in Labels, Restaurierungen oder neue Releases fließt, sondern in arbitrageartige Zwischengewinne. Die Disc wird dann nicht nur Nische, sondern Nische mit Gatekeeping.

Ist Physical Media tot? Nein. Aber „normal“ wird es nicht mehr.

Wenn man „tot“ als „nicht mehr massenmarktfähig“ definiert, dann sind DVD und Blu-ray in Deutschland in einem sehr späten Stadium des Rückzugs.

Die Zahlen sind eindeutig: Physical ist ein kleiner Teil des Markts geworden.
Die Strategien sind eindeutig: Majors geben Vertrieb ab, Spezialisten übernehmen.
Der Handel ist eindeutig: Regalfläche wandert zu anderen Warengruppen, Disc-Sichtbarkeit sinkt. 

Aber „tot“ im Sinne von „bedeutungslos“ ist es nicht, im Gegenteil. Gerade weil Streaming zum Standard geworden ist, werden die Schwächen des Modells sichtbarer. Lizenzlogik, Fragmentierung, Katalogfluktuation und die Möglichkeit, dass Fassungen still verändert werden. Die wahrscheinlichste Zukunft ist daher nicht das komplette Verschwinden, sondern eine klare Rollenverteilung. Streaming bleibt das Massenangebot. Physical Media wird das Archiv, das Sammlerobjekt, die Qualitäts-Option und für viele Filmfans der letzte Ort, an dem „ich habe den Film“ noch wörtlich gemeint ist.

Wenn man das beklagt, kann man es Nostalgie nennen. Man kann es aber auch schlicht als kulturpolitische Frage formulieren: Wem gehören Filme – den Zuschauer:innen oder den Plattformen? Und was passiert mit Filmgeschichte, wenn ihre Verfügbarkeit von Verträgen abhängt, nicht von Regalen?

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