Bildnachweis: © Alamode Film | Jule und Jan freuen sich auch über die deutsche Filmlandschaft

Ein Weckruf: Das Problem ist nicht der deutsche Film, sondern sein Publikum

von Jonas Göken

Von allen Seiten höre ich ein nicht abschwellendes Gemecker über den deutschen Film. Er bewege sich immer nur im undefinierbaren Genrebrei zwischen Drama und Komödie, komme über das Niveau von Fernsehproduktionen nicht hinaus und sei von Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Konsorten einem Tiefpunkt zugeführt worden. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sich da Leute zu Wort melden, deren Bereitschaft, sich ein umfassenderes Bild der deutschen Filmlandschaft zu verschaffen, deutlich eingeschränkt ist. Kann es sein, dass der Unmut über deutsche Produktionen auf einem grassierenden Tunnelblick basiert? Meine These lautet: Wer sich ernsthaft selbst informiert und nicht nur der großflächigen Werbung finanziell gut ausgestatteter Kinoproduktionen hinterherläuft, wird von der deutschen Filmlandschaft momentan reich beschenkt!

Das deutsche Genrekino lebt

Mit Blick auf die Zuschauerzahlen ist da natürlich etwas dran, dass der deutsche Film von massentauglichen Komödien wie Fack ju Göhte (2013) und sentimentalen Dramen wie Honig im Kopf (2014) dominiert wird. Gegen die Output-Rate von Til Schweiger und Matthias Schweighöfer ist wahrlich nur schwer anzukommen. Und die Aufmerksamkeit der Masse haben sie sich über die Jahre geradezu abonniert. Aber der Eindruck täuscht! Dem deutschen Mainstream-Genrebrei steht mittlerweile eine beachtliche Anzahl an deutschen Genreproduktionen entgegen. So entführte uns Das finstere Tal (2014) in eine Schneelandschaft mit Westernatmosphäre, ließ uns Stereo (2014) die Abgründe der menschlichen Seele erleben, überfiel uns Der Nachtmahr (2015) mit monsterhaften Motiven des Horrorfilms, beglückte uns Nur ein Tag (2017) mit philosophischen Gedankenspielen vor märchenhafter Kulisse und schied Fikkefuchs (2017) als schwarzhumorige Sexismus-Satire brutal die Geister. Damit sei nur eine kleine Auswahl an interessanten Genreexperimenten genannt, die das deutsche Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

Keine Scheu vor internationalen Vergleichen

Und auch abseits dieser nischenhaften Genrebeiträge hat der deutsche Film im letzten Jahrzehnt einige Werke geschaffen, die durchaus mit den internationalen Produktionen mithalten können. So konfrontierte uns Halt auf freier Strecke (2011) ungewöhnlich unmittelbar mit dem Thema Sterben, entfaltete Oh Boy (2012) in puritanischen Schwarz-Weiß-Bildern das Lebensgefühl eines Mitt-Zwanzigers, erzählte Im Labyrinth des Schweigens (2014) ein bisher vernachlässigtes Kapitel deutscher Geschichte, revolutionierte Victoria (2015) das Kino mit seinem unfassbaren One-Take, fing Toni Erdmann (2016) zwischenmenschliche Schwingungen in einem neuartigen Mix aus Komik und Tragik ein und überwältigte Aus dem Nichts (2017) durch seine schonungslose Nähe zur Gefühlswelt seiner Protagonistin. Wer möchte dieser Reihe an starken filmischen Beiträgen ihre Widerstandskraft gegenüber dem Mainstream-Kino absprechen?

Aktuelle Höhenflüge des deutschen Kinos

Mit Blick auf das Kinojahr 2018 des deutschen Films schlägt das Herz des Fans höher:

Im März startete mit Isabel Prahls 1000 Arten den Regen zu beschreiben ein Familiendrama der besonderen Sorte. In wuchtigen und ungewöhnlich stylischen Bildern, untermalt von einem aufwühlenden Soundtrack des Oscar-nominierten Komponisten Hauschka, fängt die Regisseurin die Reaktionen dreier Menschen auf die Abspaltung eines Familienmitgliedes aus der Gesellschaft ein. Mit einer wunderbar humanistischen Grundhaltung wird die Überforderung des Individuums durch die digitalisierte Gesellschaft analysiert.

Im Mai gab es mit dem Film In den Gängen ein Wiedersehen mit zwei der vielversprechendsten Darsteller des Landes: Sandra Hüller und Franz Rogowski. Das kreativ inszenierte Beziehungsdrama beglückt vor allem durch seine detailverliebte Beobachtung der Anziehungskraft zwischen zwei Menschen. Selten wurde die Liebe in einem so gewöhnlichen Umfeld auf so ungewöhnlich zarte und elektrisierende Weise in Bildern festgehalten. Eine Alltagspoesie, die tief berührt und sowohl an schmerzhafte wie an beglückende Wahrheiten rührt.

Und schließlich wird uns der Monat Juli mit 303 einen Film bringen, der nicht nur Fans von Hans Weingartner und der Before-Reihe von Richard Linklater die Begeisterung in die Augen treiben wird. Das Roadmovie führt mit Jule und Jan zwei junge Menschen zusammen, die an einem Wendepunkt in ihrem Leben stehen. Auf unvergleichliche Weise fängt der Film das Lebensgefühl einer Generation ein und entwickelt eine Fülle an Dialogen, die inspirieren und zum Nachdenken anregen. Ein absolut authentischer Beziehungsfilm in sommerlicher Atmosphäre, der seine Faszination vor allem durch das Zusammenspiel der super sympathischen Darsteller gewinnt.

Der deutsche Film tut sein Bestes - Jetzt ist das Publikum gefragt!

Für mich sind diese drei deutschen Filmbeiträge ein Grund zum Jubeln und zugleich zum Herabdämpfen des allgemeinen Gemeckers über die deutsche Filmlandschaft! Das Jahr ist gerade einmal zur Hälfte um und wir haben mindestens drei unheimlich starke Beiträge aus dem Inland, die über unsere Kinoleinwände flackern. Jetzt ist das Publikum an der Reihe, diese kreative Schaffenskraft zu honorieren! Klingen die Argumente in Euren Ohren plausibel oder muss der deutsche Film noch schwerere Geschütze auffahren, um Euch mit ins Boot zu holen? Haben diese Filme Eurer Meinung nach Relevanz oder äußert sich hier nur ein verrückter Arthouse-Freak, der keinen Geschmack hat und sich in blauäugigen Lobhudeleien verliert? 

Zu welchen Erkenntnissen Pascal und Levin auf ihrer Erkundungstour zum Ruf des deutschen Films gekommen sind, könnt Ihr hier nachlesen.         

 

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