Bildnachweis: © Aaron Nardi | Eli Roth bei der Cinema Con 2026

"Ice Cream Man": Interview mit dem Regisseur Eli Roth

von Yuliya Mieland

(Interviewt von Yuliya Mieland )

Anlässlich des Kinostarts von Ice Cream Man am 06. August 2026 durfte ich den Regisseur Eli Roth interviewen. Es war ein sehr spannendes Interview, das tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Films geboten hat.  

Wie sind Sie auf die Idee zu „Ice Cream Man“ gekommen?

Die Idee zu „Ice Cream Man“ entstand ursprünglich vor über 20 Jahren, als ich gerade auf Pressetour für „Cabin Fever“ war. Es war Sommer, und irgendwo sah ich einen Eiswagen anrollen. Als ich die Musik hörte, wurden sofort glückliche Kindheitserinnerungen wach: Sommerzeit, das Hinterherlaufen hinter dem Eiswagen, das Spielen oder Schwimmengehen. Man holte sich das Geld von der Mutter, kaufte ein Eis, und ich fragte mich: „Was wäre, wenn niemand wüsste, wer dieser Eismann eigentlich ist? Was, wenn er den Kindern eine Art Gift verabreichen würde? Und was, wenn dieses Gift sie dazu bringen würde, mitten in der Nacht ihre Eltern zu töten?“
Ich hatte dieses Bild vor Augen: ein freundlicher, lieber Eismann, der Eis an Kinder verteilt, sie dabei aber infiziert und dazu bringt, sich gegen die Erwachsenen zu wenden. Also schrieb ich vor 20 Jahren gemeinsam mit meinem Freund Noah Belson einen ersten Entwurf. Doch 20 Jahre lang hieß es immer nur: „Das kannst du nicht machen. Das ist zu krank. Das ist zu verrückt.“ Dann gründete ich mein eigenes Studio, „The Horror Section“, und wir wollten diesen Film als unser erstes Projekt realisieren. Als ich sah, was Damien Leone mit „Terrifier 3“ erreicht hat – wie weit er beim Gewaltgrad gehen konnte und dass er den Film trotzdem ins Mainstream-Kino brachte –, dachte ich mir: „Okay, wir sind jetzt bereit dafür. Bereit, einen Film zu machen, bei dem ich mich in puncto Gewalt nicht einschränken lassen muss, sondern einfach aus dem Vollen schöpfen kann.“

Der Film ist ziemlich brutal. Wie kommen Sie auf all diese Ideen für solch erschreckende Szenen?


Nun, sobald man mit den Dreharbeiten beginnt – etwa bei der Suche nach Drehorten –, lässt man sich einfach inspirieren und das Gehirn fängt an zu arbeiten … Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind eine künstliche Hand mit in die Schule nahm. Ich legte sie in die Papierschneidemaschine, unterhielt mich mit dem Lehrer und „hackte“ mir dann die Hand ab. Meine echte Hand hatte ich dabei natürlich eingezogen, aber die Gummihand lag offen da, und der Lehrer schrie auf. Er hätte fast einen Herzinfarkt bekommen, alle lachten, und ich erinnere mich noch genau an diesen Nervenkitzel. Da dachte ich mir: „Oh, diesen Gag mit der Papierschneidemaschine muss ich unbedingt einbauen.“ Aber dann überlegte ich: „Es sind Kinder. Sie würden mit der Hand wohl Fangen spielen.“ Und dann fragt man sich: „Was wäre, wenn man das oder jenes macht?“ – das Gehirn spinnt den Gedanken einfach immer weiter, fast wie in einem Monty-Python-Sketch. Man muss also einfach darauf vertrauen, dass man das hinbekommt. Ich bespreche das dann mit meinem Stunt-Koordinator, mit Steve Newburn, der für die Make-up-Effekte zuständig ist, und mit Adrien Morot. Ich dachte an die Kindheit und die Unschuld und am Anfang spielen sie „Steck dem Esel den Schwanz an“ und machen Seilspringen. (Anm. d. Redaktion„Steck dem Esel den Schwanz an“ ist ein Kinderspiel, das insbesondere im angloamerikanischen Sprachraum verbreitet ist. Bei dem Spiel geht es darum, den Klebestreifen mit dem Eselschwanz mit geschlossenen Augen so exakt wie möglich an ein Eselsbild zu befestigen.) Nun spielen sie „Steck dem Lehrer einen Schwanz an“ mit dem Messer und Eingeweide oder sie spielen Baseball, aber der Schläger wird benutzt, um den Eltern den Schädel einzuschlagen. Es geht also darum, all die schönen Dinge der Kindheit zu nehmen und sie auf perverse Weise zu verdrehen.

Sie haben bei dem Film Regie geführt, das Drehbuch geschrieben und sogar eine der Figuren gespielt. Wie haben Sie das alles geschafft?


Tja, das ist mein zehnter Film, also fühlte ich mich bereit dafür – und ich liebe die Schauspielerei.
Ich hatte in letzter Zeit schon etwas geschauspielert, war auf den Geschmack gekommen und wollte mehr davon. Ich hatte mich zwar noch nie zuvor selbst in einer Szene inszeniert, aber ich stand gemeinsam mit anderen Schauspielern vor der Kamera. Ich fühlte mich sehr wohl dabei, besonders mit Karen Cliche – eine der Stars aus „Thanksgiving“ und eine gute Freundin von mir. Wir hatten viel Spaß beim gemeinsamen Spielen.
Ich hatte das Gefühl, es war die richtige Rolle zur richtigen Zeit. Aber ja, es war schon eine ganze Menge Arbeit, aber ich hatte ein fantastisches Team um mich herum: die Produzenten und Justin Harding, der die Second Unit geleitet hat und mir sehr bei der Planung geholfen hat. Und Simon Shohet, mein Kameramann, und Peter Mihaichuk als Szenenbildner und natürlich Kate Harrison Karman und das Team von Cream Productions. Wir hatten einfach ein großartiges Produktionsteam und alle aus der Horror-Abteilung – lauter Leute, mit denen ich schon seit Jahren zusammenarbeite.
Und ich weiß inzwischen einfach, was ich tue. Ich habe diese „10.000 Stunden“ investiert, sodass ich mein Wissen jetzt wirklich anwenden kann.

War es einfach, mit so vielen Kindern zu arbeiten?


Ich liebe es. Als Teenager war ich drei Sommer lang als Betreuer in einem Ferienlager tätig und für eine Gruppe von 40 Jungen im Alter von zehn und elf Jahren verantwortlich. Ich liebe also das Chaos, das mit der Arbeit mit Kindern einhergeht.
Es geht einfach darum, Spaß zu haben und die Sache gleichzeitig ernst zu nehmen.
Und als wir die „Kinder-Apokalypse“ gedreht haben, hatten wir hundert Kinder am Set – das war der reine Wahnsinn. Sobald sie erst einmal geschminkt sind, muss man sie gar nicht mehr groß anleiten. Sie spielen Seilspringen mit Eingeweiden oder Ballspiele mit einem Kopf – man legt einfach die ganzen Körperteile hin, und sie fangen sofort an, sich einen künstlichen Kopf zuzuwerfen. Es herrschte also eine großartige Energie am Set.
Wir haben zwar hart gearbeitet, aber wir haben auch die meiste Zeit gelacht.

Welches Eis mögen Sie am liebsten?


Im Moment mag ich Stracciatella oder Salted Caramel.

Welcher Horrorfilm ist Ihr Favorit, der Sie dazu inspiriert hat, selbst Filme zu machen?


Nun, es gibt so viele … „Re-Animator“ war natürlich eine riesige Inspiration. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Dieses Maß an Gewalt, dieser Wahnsinn … „Pieces“ war auch so einer. „The Children“ war ein Film, den ich als Kind gesehen habe und der mir ziemliche Angst eingejagt hat. Aber als ich „Evil Dead“ sah und erfuhr, dass Sam Raimi erst 21 war – da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: „Oh, das ist kein typischer Hollywood-Film.“ Da war jemand in meinem Alter, der einfach eine Kamera nahm, in den Wald ging und den Film drehte.

Wie haben Sie die Spezialeffekte gemacht? Sie sind fantastisch.


Wir hatten unglaubliche Künstler: Steve Newburn. Ich habe „Thanksgiving“ und eine Reihe anderer Projekte mit ihm und Adrien Morot gemacht – Adrian hat übrigens den Oscar für „The Whale“ gewonnen. Er ist ein Genie. Wir haben die Effekte aufgeteilt, weil es so viel zu tun gab. Da waren Steve Newburn und Adrien Morot und sie sind ein unglaubliches Team, und dann hatten wir noch Visual-Effects-Künstler wie Josh Petrino. Sie haben wirklich, wirklich großartige Arbeit geleistet.

Vielen Dank. 


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