Wieder Viennale. Wieder ein Jahr vergangen. Für das filmaffine Wiener Publikum ist die Viennale nicht nur die alljährliche Möglichkeit, Highlights des vergangenen Festivaljahres zu sichten, sondern auch ein Marker für das Vergehen von Zeit. Seit 1978 hat der Termin Ende Oktober bestand. Damit bedeutet das Stattfinden der Viennale auch, dass ein weiteres Kalenderjahr fast vorüber ist. Die Tage werden kürzer und das herbstliche Wetter wird bald deutlich kälteren Temperaturen weichen. Eigentlich perfekt, um sich in die Kinosäle zurückzuziehen und im Optimalfall den Kaffee zwischen zwei Filmen in der Sonne zu genießen. Und dennoch macht diese Zeit des Jahres auch wehmütig. Bald beginnt die lange Zeit der Dunkelheit. Acht Monate seit der Berlinale, fünf Monate nach Cannes. Lediglich Venedig ist noch greifbar, um einmal die drei wichtigsten Referenzpunkte des Festivals zu benennen. Selbstverständlich laufen fast alle dort ausgezeichneten Werke jetzt auf der Viennale.
Zeit ist auch während der Viennale, während jedes Filmfestival, ein spannendes Konstrukt. Verteilt auf fünf Kinos werden innerhalb von 13 Tagen insgesamt 261 Filme gezeigt. Mehr als jede Zuschauer*in sehen kann. Selbst wenn es keine irdischen Beschränkungen geben würde, wäre das ein Unterfangen der Unmöglichkeit. Schließlich kommen alle Filme hintereinander abgespielt auf eine Laufzeit von 13 Tagen und acht Stunden - und damit auf acht Stunden mehr, als es Festivaltage gibt. Natürlich rein hypothetisch gesprochen und ungeachtet dessen, dass die eigene Aufmerksamkeitsspanne oft schon beim zweiten oder dritten Film des Tages an seine Grenzen stößt. Wie gerecht man diesen Filmen dann noch werden kann, ist eine wiederkehrende Frage auf vielen Festivals. Sicherlich wird es auch dieses Jahr wieder das ein oder andere Werk geben, dass ganz unmittelbar über dieses Problem nachdenken lässt.
Passenderweise trägt der Eröffnungsfilm von Johann Lurf den Titel Forever…Forever und dauert trotzdem gerade einmal 21 Minuten. Ein Experimentalfilm auf 70-mm-Film gedreht und in Wiens schönstem Kino, dem Gartenbau, für mehr als 700 Personen projiziert. Wie schon vor zwei Jahren eröffnet die Viennale mit einem kurzen Experimentalfilm. Bereits bei C'est pas moi von Leos Carax war es eine großartige Entscheidung, den ohnehin durch zahlreiche Grußworte und Eröffnungsreden gestreckten Abend nicht noch weiter in die Länge zu ziehen, sondern auf einen kompakten Film zu vertrauen. Das Eröffnungspublikum dafür mit einer experimentellen Form zu konfrontieren, kommt sicherlich nicht bei allen Gästen gut an, zeigt aber die Bereitschaft des Festivals auch unbequeme Entscheidung auf großer Bühne zu treffen.
Der Film selbst ist eine Auseinandersetzung mit Zeit und Raum. In einer einzigen Einstellung und mit einer statischen, eigens dafür angefertigten Kamera, wurde der Stausee Ottenstein im niederösterreichischen Waldviertel für 22 Monate durchgehend gefilmt. Positioniert wurde die Kamera dabei so, dass die Spiegelung auf der Wasseroberfläche des Stausees eine Doppelung des Bildes erzeugt. Durch eine Berechnung vergehen die Tage im Film zunehmend schneller. Während das Naturspektakel zu Beginn noch eher kontemplativ anmutet, entwickelt sich der Film nach und nach zu einem audiovisuellen Spektakel. Wenn gegen Ende mehrere Monate in nur wenigen Sekunden vergehen und die Sonne blitzend über die Leinwand springt, erreicht Forever…Forever einen eindringlichen Höhepunkt. Ausgehend vom Realen, vom Gegenwärtigen, drängt er zur Abstraktion.
Dabei hat der Film weniger mit dem Strukturalismus eines James Benning gemein, als es eine Beschreibung des Films glauben lässt. Während sich bei diesem oftmals Erzählzeit und erzählte Zeit decken, versucht Lurf das Gegenteil davon. Maximale Verdichtung von Zeit. Was diese 21 Minuten während, aber vor allem nach der Sichtung, mit dem eigenen Zeitgefühl machen, ist erstaunlich. Wie stark Zeit während einer Sichtung relativ ist, hat schließlich jede*r Kinogänger*in schon am eigenen Leib erlebt. Wie es mir in den kommenden zwei Wochen mit der Zeit in den Wiener Kinosäle ergeht, werde ich an dieser Stelle fortlaufend festhalten.