Inhalt
Hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zur Familie und seinem Wunsch nach Freiheit, beobachtet Gabin über einen Zeitraum von zehn Jahren einen Jungen, der darum kämpft, sich aus seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse im ländlichen Norden Frankreichs zu lösen.
Kritik
Wenn er erwachsen ist, wolle er einen Beruf mit Tieren habe, „mit lebendigen“, sagt der Titelcharakter Maxence Voiseuxs observativer Langzeit-Doku in einer frühen Szene. Da ist Gabin acht Jahre alt und noch zu klein, um seiner Mutter auf dem familieneigenen Bauernhof richtig zu helfen. Um so sicherer ist er sich, dass er dieser ländlichen Welt verbunden bleiben will - auch wenn ihm manche deren Aspekte intuitiv abschrecken. Wie das Schlachten, das zu den essenziellen Elementen seines familiären Kosmos gehört, die der Regisseur diskret ausblendet.
Das Wohl der Tiere, die auf dem Hof produziert und monetarisiert werden, wird vorausgesetzt, obwohl die bedachtsam ausgewählten Einblicke in Gabins Integration in den betrieblichen Ablauf anderes vermuten lassen. Die Inszenierung vermeidet bewusst nahezu jede kritische Perspektive auf Gabin Heranwachsen auf dem Land, wie es Kameramänner François Chambe und Martin Roux über zehn Jahre bis zu Gabins Volljährigkeit einfangen. Das Gleiche gilt auch für die ökonomischen und strukturellen Faktoren, die bereits in der Synopsis scheinbar gezielt modifiziert werden. Arbeiterklasse soll Gabin angeblich sein.
Obwohl seine Eltern Grundbesitzer und Unternehmer sind, er selbst in ausführlichen Darstellungen eine Ausbildung durchläuft und einer Tradition Landwirtschaftsunternehmer nachfolgt. Die Enge des provinziellen Artois im Norden Frankreichs erscheint urwüchsig und offen, von gemeindlicher Enge keine Spur. Wenn Gabin je von hier weg wollte, etwas anderes, eigenes machen, dann verschweigt dies die konventionelle Inszenierung. Sie drängt wiederholt in mehrjährigen Sprüngen voran, so dass Gabins Kindheit fast nahtlos ins junge Erwachsenenalter übergeht. Familiäre Bindungen, das kommunale Netzwerk, ökologische und technologische Veränderungen erscheinen wortwörtlich nur im besten Licht.
Fazit
Grob unterteilt in zweit Akte für Kindheit und Jugend, begleitet Maxence Voiseux über ein Jahrzehnt hinweg seinen aufgeweckten Hauptcharakter auf dem elterlichen Bauernhof. Der erscheint trotz flüchtig angedeuteter wirtschaftlicher Verluste ein idealer Ort familiären und kommunalen Zusammenhalts. Streit gibt es Werder auf privater noch betrieblicher Seite; dafür eine erste Liebe, die wie aus dem Nichts kommt. Die naturalistische Aura kaschiert effektiv die durchdachte Dramatisierung des Lebenseinblicks, der zugleich die nostalgische Verklärung des bäuerlichen Lebens lanciert. Ohne existenzielle Konflikte und Herausforderungen zieh sich auch das handwerkliche Szenario in die Länge.