Inhalt
Ein Versicherungsagent ermittelt eigenständig in einem Entfüührungsfall, dessen Hauptverdächtiger eine multiple Persönlichkeit hat. Ist er der Täter und wenn ja, welcher Teil von ihm?
Kritik
„Vernunftbegabt“ oder „wissend bedeutet der Titel Hu-bin Lees unausgegorenem Genre-Mix, mit dem der koreanische Regisseur in Busans in der Sektion New Korean Cinema sein Spielfilm-Debüt gibt. Der akademische Fachbegriff entspricht indes wenig dem Geist der verworrenen Story, die den gespaltenen Charakter ihres Hauptcharakters auch narrativ repräsentiert. Vier verschiedene Persönlichkeiten ringen miteinander in der Psyche Na Do-hans (Jung Sung-il, Uprising), dem die Entführung eines hochrangigen Industriellen vorgeworfen wird. Aber wie soll der juristische Vertreter der Firma die Wahrheit herausfinden, wenn jede dieser Persönlichkeiten eine andere Version davon hat?
So zerrissen zwischen unterschiedlichen Interpretationen des Geschehens wie der psychopathische Protagonist ist die Inszenierung, die zwischen Krimi, Okkult-Horror, Psychothriller und Mystery changiert. Tatsächlich könnte dieser Wechsel zwischen separaten Spielarten einer kohärenten Kernhandlung dem Stoff sogar einen individuellen Twist verleihen, plagten sich Hu-bin Lee und sein Drehbuchautor Su-jin Lee nicht mit typischen Anfängerfehlern. Ihr Plot soll zugleich rational Schnitzeljagd mit einem Entführungsopfer als Hauptpreis sein und gespenstischer Kampf mit dämonischer Besessenheit. Als zweite erscheint die multiple Persönlichkeitsstörung, deren Darstellung ein Paradebeispiel für neurodivergente Negativ-Klischees abgibt.
Psychische Abweichungen erscheinen als Synonym gemeingefährlicher Gewalttätigkeit, die das regelrecht archaische Narrativ mit übersinnlichen Mächten verknüpft. Deren Visualisierung tendiert zu unfreiwilliger Komik mit ihrer Scharade aus amateurhafter Maske - milchige Kontaktlinsen, die noch nichtmal richtig sitzen, und wankender Zombie-Gang - Overacting. Die moralischen Fragen und meta-textuellen Anspielungen, die in Kameramann Seung-bin Lees düsteren Szenen bisweilen aufblitzen, verraten die von dumpfer Konvention überrollten formalen und philosophischen Ambitionen. Seos Puzzle fragmentierter Fakten, die zu einer schlüssigen Geschichte zusammengefügt werden müssen, evoziert den filmischen Schneideprozess. Und das mitunter krude Resultat.
Fazit
In Busans Midnight Movie Sparte fügt sich Hu-bin Lees gestriges Genre-Potpourri merklich besser denn als echte kreative Perspektive für Koreas junge Kinos. Der Stoff hat ausreichend Potenzial für solide Horror- oder Krimi-Unterhaltung, doch der Inszenierung fehlt der Mut für einen echten Pulp-Schocker und die analytische Schärfe für die angerissenen Moralfragen um Schuld, Selbstkontrolle und Subjektivität. Jung Sung-ils passable schauspielerische Leistung variiert in Überzeugungskraft er mit den Persönlichkeiten, die er verkörpern soll. Die buchstäbliche Dämonisierung psychischer Diversität wirkt so überholt wie die generische Ästhetik auf TV-Niveau.