Inhalt
Eine Liebesgeschichte, in der die Grenzen zwischen Präsenz und Abwesenheit, Fürsorge und Abhängigkeit, Begehren und Kontrolle verschwimmen, bis sie sich auflösen
Kritik
Ein hohler Nachhall Bernardo Bertoluccis (Ich und Du), dessen letzter Drehbuchentwurf als Grundlage Andrea Pallaoros (Monica) bemühten Beitrags zum Wettbewerb von Venedig diente, verstärkt die kunsthandwerkliche Prätenzion der selbstverliebten Skizze emotionaler und medizinischer Abhängigkeit. Pathologische Allegorik und politische Aktualität wirken ebenso aufgesetzt wie ambivalent in einem unentschlossenen Beziehungsdrama, dessen Kernmotive und Metaphern auf kuriose Weise die dramaturgischen Schwächen spiegeln. Ein Musiker, der stylish an chronischen Schmerzen und kreativer Erschöpfung leidet, und die Therapeutin, die parallel seine und ihre Sucht füttert, sind umkreisen einander in einem regressiven Resonanzraum.
In der Eröffnungsszene stirbt der italienische Musikproduzent Leo (Luca Marinelli, Diabolik) fast an einer Überdosis der Medikamente, mit denen ihn seine Partnerin und Physiotherapeutin Anne (Alicia Vikander, Hope) versorgt. Ihr klandestiner Kompetenzmissbrauch wird noch perfider durch seine psychopathologische Perversion. Anne ist besessen von Leo, den sie durch die Versorgung mit regulierten Substanzen an sich bindet. Zugleich appelliert er an ihre obsessive Zuneigung, um seinen Medikamentennachschub zu sichern. Die Frage, wer wen ausnutzt, bleibt ebenso unausgeformt wie die nach der Art Leos Scherzen. Sind sie ein psychosomatisches Symptom seiner Kreativ-Krise oder Ursache seiner schwindenden Inspiration.
Chronische Schmerzen reduziert die gegenüber payhogenetische Glaubwürdigkeit gänzlich desinteressierte Inszenierung zu einer narzisstischen Neurose ohne physische Plausibilität. Pharmakologisches Pendant dieser medizinischen Missinformation ist die spekulative Darstellung der Abhängigkeit von verschreibungspflichtiger Medikation, die mit Drogensucht gleichgesetzt wird. Medizinische Versorgung erscheint als invasive Instrumentalisierung psychischer Problem und symbolischer Spuk durch Annes heimliche Aufenthalte in Leos Wohnung. Deren gediegenes Interieur dient als geschlossener Rahmen des dezent klaustrophobischen Kammerspiels. Dieses kann selbst Susan Sarandons (Strange Journey: The Story of Rocky Horror) darstellerische Präsenz als alternde Sängerin Ava, die mit Leo ein neues Album produziert und in pseudo-tiefgründigen Gesprächen über ideelle Verluste und künstliche Vermächtnisse schwelgt, nicht aus ihrer Seichtheit zieht.
Fazit
Der Titel Andrea Pallaoros kakophonen Künstler-Dramas wird zur unfreiwilligen Analogie der dramaturgischen Misstöne dessen substanzloser Story. In deren symbolisch überfrachteten Szenen sind die sich durch Bernardo Bertoluccis Werk ziehenden Themen gefährlichen Verlangens und verlorener Ideale nur ein dumpfer Wiederhall. Diego Garcias manierierte Kamerabilder stilisieren das elegante Setting zu einem Ort ästhetisierter Abwesenheit, die den Mangel überzeugender Auseinandersetzung mit den angerissenen Motiven nur noch deutlicher machen. Die engagierte Darsteller-Riege bringt kaum Lebendigkeit in die seichten Figuren. Deren überkonstruierte Probleme bleiben schale Behauptung in einem manipulativen Melodram, dessen dramatische Dissonanzen keine emotionale Resonanz schafft.