Es ist schon ätzend genug, wenn große Preise bei den Golden Globes oder später bei den Oscars mal eben in der Werbepause abgefrühstückt werden. Ein aktuelles Beispiel ist Ludwig Göransson, der bei den Globes für seine Filmmusik zu Blood & Sinners ausgezeichnet wurde – ein Preis, der irgendwo zwischen Shampoo-Spot und Trailerrauschen verschwand. Das ist respektlos, keine Frage. Immerhin lässt sich diese Vergabe im Nachhinein noch ansehen, sie besitzt zumindest einen Hauch von Anerkennung und etwas, das man guten Gewissens als zeremoniell bezeichnen kann. Was sich die Critics Choice Awards nun mit The Secret Agent von Kleber Mendonça Filho geleistet haben, geht allerdings noch einen Schritt weiter.
Critics Choice was? Die Awards werden jährlich von der Critics Choice Association vergeben, einem Zusammenschluss aus Film- und Fernsehjournalistinnen aus Nordamerika. Sie gelten als eine der wichtigsten Branchenauszeichnungen neben den Golden Globes und den Oscars. Gerade weil hier professionelle Kritikerinnen abstimmen, genießen die Preise ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und Einfluss. Eine Auszeichnung bei den Critics Choice Awards steht für fachliche Anerkennung – und sollte genau deshalb sichtbar, ernsthaft und würdevoll verliehen werden.
Sollte. Wurde sie aber im Fall von The Secret Agent nicht. Der Preis für den besten ausländischen Film wurde weder während der Gala noch wenigstens in einer Werbepause vergeben, sondern bereits im Vorfeld – auf dem roten Teppich. Zwischen Smalltalk, Blitzlichtgewitter und Promi-Posing. Mendonça Filho nahm die Auszeichnung am 4. Januar entgegen, also noch vor der eigentlichen Preisverleihung. Kein Applaus im Saal, keine Bühne, kein Moment, der dem Gewicht dieser Ehrung gerecht wird. Stattdessen eine Übergabe, die eher an eine PR-Randnotiz erinnert als an einen der wichtigsten Kritikerpreise des Jahres.
Dass diese Entscheidung jetzt wieder diskutiert wird, liegt auch an den Golden Globes selbst. Durch erneut ausgelagerte Ehrungen und Preise, die in Werbepausen verschwinden, wird immer deutlicher, wie schief die Prioritäten solcher Galas inzwischen liegen. Auszeichnungen, die Sichtbarkeit und Wertschätzung schaffen sollten, werden behandelt wie lästige Programmpunkte. Hauptsache, der Ablauf stimmt und die Quote leidet nicht.
Gerade im Fall von The Secret Agent ist das besonders bitter. Kleber Mendonça Filho zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Filmemacherinnen Brasiliens, sein Film wurde international gefeiert und von Kritikerinnen hoch geschätzt. Und genau dieser Film wird mit einem zentralen Preis der Critics Choice Awards abgefertigt, als handle es sich um eine Randnotiz. Wer so mit dem „besten ausländischen Film“ umgeht, sendet eine klare Botschaft: gut fürs Image, aber offenbar nicht wichtig genug für die große Bühne.
Natürlich kann man sagen, ein Preis bleibe ein Preis, egal wann und wo er vergeben wird. Doch das greift zu kurz. Preisverleihungen leben von Symbolik, von Momenten, von öffentlicher Wertschätzung. Wenn diese bewusst unterlaufen wird, leidet nicht nur die Bedeutung der Auszeichnung – sondern auch der Anspruch, mit dem solche Galas den Film als Kunstform feiern wollen.