Mit Frederick Wiseman verliert das internationale Kino eine seiner prägendsten Stimmen. Der US-amerikanische Regisseur ist im Alter von 96 Jahren verstorben. Noch im vergangenen Jahr war er in der Krimikomödie Paris Murder Mystery in einem seiner seltenen Schauspielauftritte zu sehen.
Wiseman galt als einer der wichtigsten Vertreter des dokumentarischen Films. Mit seinem streng beobachtenden Direct-Cinema-Stil revolutionierte er das Genre nachhaltig. Seine Arbeiten verzichteten konsequent auf erklärende Off-Kommentare, Interviews oder emotionalisierende Musik. Stattdessen ließ er Institutionen und ihre Abläufe für sich selbst sprechen.
Institutionen im Fokus
Im Zentrum seines Werks standen vor allem gesellschaftliche Einrichtungen: Schulen, Krankenhäuser, Verwaltungen, Gerichte oder kulturelle Institutionen. Wiseman interessierte sich für Machtstrukturen, Hierarchien und die Frage, wie Menschen innerhalb solcher Systeme agieren und funktionieren.
Sein Debütfilm Titicut Follies aus dem Jahr 1967 machte ihn schlagartig bekannt – und sorgte für einen Skandal. Der Film zeigte den Alltag in einer Anstalt für psychisch erkrankte Straftäter in Massachusetts und dokumentierte erschütternde Zustände. Aufgrund der drastischen Bilder wurde das Werk jahrzehntelang mit einem Aufführungsverbot belegt. Erst Anfang der 1990er-Jahre durfte es wieder öffentlich gezeigt werden.
Ein Werk von außergewöhnlicher Konsequenz
In den folgenden Jahrzehnten realisierte Wiseman rund 40 weitere Dokumentarfilme. Werke wie High School oder City Hall zeigen exemplarisch seinen analytischen Blick auf gesellschaftliche Mikrokosmen. Mit zunehmender Karriere wurden seine Filme immer länger – teils bis zu viereinhalb Stunden –, um den komplexen Strukturen und Abläufen gerecht zu werden.
Frederick Wiseman hinterlässt ein Werk, das den Dokumentarfilm in seiner Form und Wahrnehmung nachhaltig verändert hat. Sein Einfluss auf nachfolgende Generationen von Filmemacherinnen und Filmemachern ist kaum zu überschätzen.