Anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten, der am gestrigen 4. Juli gefeiert wurde, stellte die New York Times ihren Leser*innen eine ebenso einfache wie spannende Frage: Welcher Film repräsentiert die Vereinigsten Staaten am treffendsten? Gesucht war dabei nicht zwangsläufig der beste US-Film aller Zeiten, sondern jener Titel, der das Wesen, die Widersprüche und den Zeitgeist Amerikas am prägnantesten widerspiegelt. 3.000 Menschen machten mit.
Die Antworten fielen entsprechend vielfältig aus. Genannt wurden unter anderem Easy Rider (1969), Der Pate (1972), oder Do The Right Thing (1989). Ebenfalls häufig erwähnt wurden Titel wie Wer die Nachtigall stört (1962), Dr. Seltsam (1964) und Network (1976). Den mit Abstand ersten Platz belegte jedoch ein anderer Film: Idiocracy von Autor und Regisseur Mike Judge.
Aus der belächelten Satire wurde ein Kultfilm
Als Idiocracy 2006 in die Kinos kam, interessierte sich kaum jemand für die ungewöhnliche Zukunftsvision von Judge. Das Studio veröffentlichte den Film nur in wenigen Kinos und verzichtete weitgehend auf Marketing. Entsprechend enttäuschend fiel das Einspielergebnis aus. Erst Jahre später entwickelte sich Idiocracy durch DVD-Veröffentlichungen, Streaming und Mundpropaganda zu einem echten Kultfilm.
Im Mittelpunkt steht der durchschnittliche Soldat Joe Bauers, gespielt von Luke Wilson, der im Rahmen eines geheimen Militärprojekts in einen Kälteschlaf versetzt wird. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände erwacht er jedoch erst rund 500 Jahre später – in einer Zukunft, in der die Menschheit durch jahrhundertelange Verdummung kaum noch zu rationalem Denken fähig ist.
An seiner Seite spielt Maya Rudolph eine Prostituierte, während Terry Crews als völlig überdrehter US-Präsident Dwayne Elizondo Mountain Dew Herbert Camacho eine der denkwürdigsten Figuren des Films verkörpert. Was zunächst wie eine absurde Komödie wirkt, entwickelt sich zu einer bitterbösen Satire auf Konsumgesellschaft, Politik und den schleichenden Verlust wissenschaftlicher Vernunft.
Warum "Idiocracy" heute aktueller wirkt als je zuvor
Dass ausgerechnet Idiocracy die Leserinnen-Umfrage der New York Times gewann, sagt letztlich weniger über den Film selbst aus als über die gegenwärtige Stimmung vieler US-Amerikaner*innen. Zahlreiche Teilnehmende beschrieben die Satire nicht mehr als Komödie, sondern beinahe als Dokumentation. Natürlich ist das überspitzt formuliert – schließlich zeigt der Film eine Welt, in der Krankenhäuser Energydrinks als Medizin einsetzen. Doch genau diese hemmungslose Überzeichnung macht bis heute den Reiz des Films aus.
Mike Judge karikiert eine Gesellschaft, in der Anti-Intellektualismus zur Norm geworden ist, Bildung kaum noch eine Rolle spielt und große Konzerne selbst grundlegende öffentliche Bereiche kontrollieren. Werbung, Unterhaltung und Politik verschmelzen zu einer grellen Dauerbeschallung, während komplexe Probleme mit einfachen Parolen beantwortet werden. Viele Zuschauer*innen erkennen darin heute Entwicklungen wieder, die ihnen angesichts sozialer Medien, politischer Polarisierung und einer immer lauteren Empörungskultur erschreckend vertraut erscheinen.
Gerade deshalb hat Idiocracy in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. Der Film wird regelmäßig zitiert, taucht immer wieder in politischen Diskussionen auf und gilt längst als eine der prägnantesten Gesellschaftssatiren der 2000er-Jahre. Dass ausgerechnet diese einst kaum beachtete Produktion nun die Umfrage der New York Times dominiert, zeigt eindrucksvoll, welchen Status sie inzwischen erreicht hat. Was einst als überdrehte Zukunftsfarce belächelt wurde, wird heute von vielen als erstaunlich treffender Kommentar auf das moderne Amerika verstanden – und genau das erklärt, warum Idiocracy inzwischen weit mehr ist als nur ein Kultfilm.