Die Odyssee von Regisseur Christopher Nolan begeistert weltweit das Publikum und gilt für viele als eine der stärksten Verfilmungen des antiken Epos. Doch ausgerechnet Emily Wilson, deren moderne Übersetzung der „Odyssee“ als Standardwerk gilt, bewertet den Film deutlich kritischer. In einem Essay für die London Review of Books lobt sie zwar einzelne Aspekte, stellt der Adaption insgesamt jedoch ein ernüchterndes Zeugnis aus.
Zu Beginn ihres Textes verweist Wilson darauf, dass Nolan ihre Übersetzung kennt und sogar daraus zitiert hat. Trotzdem fällt ihr Urteil über das Drehbuch vernichtend aus:
„Wie man bei Preisverleihungen sagt: Ich fühlte mich geehrt zu erfahren, dass Nolan zumindest die erste Zeile meiner Übersetzung gelesen hat. [...] Aber ich würde mich schämen, irgendeinen Teil dieses Drehbuchs geschrieben zu haben.“
Homer-Expertin sieht Stärken – aber kaum erzählerische Tiefe
Wilson bezeichnet den 250-Millionen-Dollar-Film als unterhaltsames Kinoerlebnis und lobt insbesondere Nolans verschachtelte Erzählstruktur, die gut zur Vorlage passe. Gleichzeitig fehle dem Spektakel für sie die emotionale Wucht. Es wirke auf sie wie ein imposantes Feuerwerk: technisch beeindruckend, aber erzählerisch wenig nachhaltig.
Grundsätzlich habe sie kein Problem mit Veränderungen gegenüber Homers Epos. Im Gegenteil: „Adaptionen müssen und sollten dem Original nicht mit der Genauigkeit einer Übersetzung folgen.“ Auch die moderne Dialogsprache verteidigt sie ausdrücklich und hält die Kritik daran für unbegründet.
Am stärksten stört Wilson die Figurenzeichnung. Matt Damons Odysseus fehle die Raffinesse und Vielschichtigkeit der literarischen Vorlage. Statt eines listenreichen Helden zeige Nolan einen Mann, der vor allem von Schuldgefühlen geprägt sei. Zudem blieben die Opfer des Krieges weitgehend unsichtbar, wodurch Gewalt ihre eigentliche Tragweite verliere.
Trotz harter Kritik bleibt ein positives Fazit
Auch mehrere Nebenfiguren seien verschenkt. Anne Hathaways Penelope bekomme kaum Profil, Charlize Therons Kalypso bleibe überraschend eindimensional. Deutlich positiver bewertet Wilson dagegen Robert Pattinson, dessen Antinoos ihrer Ansicht nach sogar oscarwürdig sei.
Neben inhaltlichen Einwänden kritisiert Wilson außerdem die aus ihrer Sicht widersprüchlichen moralischen Aussagen des Films sowie den Dreh in der umstrittenen Region Westsahara. Dennoch endet ihr Essay versöhnlich.
„Trotz allem ist die Veröffentlichung von 'Die Odyssee' ein Ereignis, das gefeiert werden sollte“. Gerade in Zeiten des Streamings bringe Nolan wieder Menschen ins Kino und wecke Interesse an Homers Werk. Dafür, so Wilson, sei sie dem Regisseur trotz aller Kritik dankbar.