Bildnachweis: © cmv-Laservision AL!VE | Motiv von "P.O. Box Tinto Brass"

"Caligula"-Regisseur Tinto Brass ist tot: Italienischer Skandalfilmer stirbt mit 93 Jahren

von Thomas Repenning

Die Filmwelt trauert um einen ihrer umstrittensten Regisseure: Tinto Brass ist im Alter von 93 Jahren in Rom verstorben. Seine Ehefrau Caterina Varzi sowie seine Kinder Bonifacio und Beatrice bestätigten den Tod gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Weltweite Bekanntheit erlangte der italienische Filmemacher vor allem durch das monumentale Historien-Erotikdrama Caligula aus dem Jahr 1979, das aufgrund seiner expliziten Sex- und Gewaltdarstellungen zu einem der größten Skandalfilme der Kinogeschichte wurde. Doch Brass hinterlässt ein wesentlich vielseitigeres filmisches Vermächtnis.

"Caligula": Ein Skandalfilm schreibt Kinogeschichte

Mit Caligula inszenierte Brass einen der teuersten und kontroversesten Independent-Filme seiner Zeit. Rund 25 Millionen Dollar kostete die Produktion über den berüchtigten römischen Kaiser. Zum Ensemble gehörten Malcolm McDowell, Helen Mirren, Peter O'Toole und John Gielgud. Der Film sorgte weltweit für heftige Kontroversen und blieb in Deutschland aufgrund seiner expliziten Inhalte jahrzehntelang indiziert.

Bereits während der Produktion kam es zu erheblichen Konflikten. Drehbuchautor Gore Vidal, Regisseur Brass und Produzent Bob Guccione, Gründer des Erotikmagazins Penthouse, gerieten über die kreative Ausrichtung aneinander. Guccione ließ später zusätzliche pornografische Szenen einfügen, die nicht von Brass inszeniert worden waren. Sowohl der Regisseur als auch Vidal distanzierten sich schließlich von der veröffentlichten Fassung.

2023 erschien mit Caligula: The Ultimate Cut eine umfassend überarbeitete Version, die aus vorhandenem Filmmaterial neu zusammengestellt wurde. Sie verzichtete auf die nachträglich eingefügten Hardcore-Sequenzen und versuchte, die Geschichte stärker als politisches und psychologisches Drama zu präsentieren.

Tinto Brass: Vom experimentellen Kino zum Meister der Erotik

Geboren 1933 in Mailand, begann Brass seine Karriere im Umfeld des europäischen Autorenkinos. Er arbeitete unter anderem mit Roberto Rossellini und Joris Ivens zusammen und wurde von der französischen Nouvelle Vague beeinflusst. Bereits sein Regiedebüt In capo al mondo von 1963 geriet wegen seiner gesellschaftskritischen Haltung mit der Zensur in Konflikt.

In den folgenden Jahren experimentierte Brass mit unterschiedlichen Genres. Dazu gehörten der surreale Western Yankee, der Pop-Art-Thriller Deadly Sweet und das provokante Kriegsdrama Salon Kitty mit Helmut Berger. Ab den 1970er-Jahren verlagerte er seinen Schwerpunkt zunehmend auf erotische Stoffe, die durch ihre freizügige Bildsprache zu seinem Markenzeichen wurden.

Bis in die 2000er-Jahre blieb Brass als Filmemacher aktiv und drehte unter anderem Monamour sowie mehrere erotische Kurzfilme. Sein Werk bewegt sich zwischen avantgardistischem Experiment, politischer Provokation und explizitem Unterhaltungskino. Mit seinem Tod verliert die italienische Filmgeschichte einen eigenwilligen Regisseur, dessen Filme bis heute gleichermaßen faszinieren und polarisieren.