Inhalt
Seit seiner Pensionierung meckert Harry nur noch rum, trinkt Weizenbier und pflegt seinen Rittersporn. Findet Lore. Sie klammert sich an ihren Job als Bibliothekarin, organisiert peinliche Lesungen und verehrt ihre Dichter wie Propheten. Findet Harry. Für ein altes Ehepaar reden die beiden erstaunlich viel – und meinen doch meistens etwas anderes. Als Tochter Julia zum dritten Mal heiraten will, ist der Streit programmiert und doch nur die Spitze des Eisbergs. In vierzig Jahren Ehe sammelt sich einiges an. Unter derOberfläche brodelt es: unausgesprochene Fragen, alte Eifersucht, der Streit um Harrys Phlegma und um den Sinn eines Hochdruckreinigers. Während Harry seinen Garten hegt, träumt Lore von einem anderen Leben, von Reisen, von Aufbruch. Sie fühlt sich kraftlos und fragt sich immer dringlicher: War das schon alles?
Kritik
Eine in die Jahre gekommene Liebe oder eine Liebe in den Jahreszeiten, darum kreist Andreas Dresens (In Liebe, Eure Hilde) Adaption des gleichnamigen Romans bei Elke Heidenreich und Bernd Schroeder. In den 60er haben Lore (Dagmar Manzel, City of Blood) und Harry (Joachim Król, Where's Wanda?) geheiratet, sich augenscheinlich etwas aufgebaut, und eine Tochter großgezogen. Nun reden sie viel und zanken noch mehr, haben sich aber nur wenig zu sagen. Jedenfalls, was substanzielle Themen angeht. Ihre komödiantischen Konversationen kreisen um die bevorstehende Hochzeit der Tochter, Lores Lebenslust gegen Harrys Lethargie und wer recht hat.
Unterteilt in vier Kapitel, die entsprechend benannt dem Lauf eines Jahres folgen, begleitet der Regisseur und Co-Drehbuchautor das privilegierte Paar, dessen Geschichte zugleich exemplarisch den Mythos mittelständischer monogamer Meritokratie illustriert und zementiert. Beider sozialer Hintergrund, individuelle Biografien und gemeinsame Geschichte wird nur bruchstückhaft angedeutet. Dies reduziert nicht nur die psychologischen Porträts, die in der ganz auf ihre Charaktere zurückgeworfene Handlung elementare Funktion haben, zu bildungsbürgerlicher Beliebigkeit. Es untergräbt auch die schwelenden Konflikte, die sich über Jahrzehnte ohne Aussprache als offene Wunden in ihre Routine eingefressen haben.
Dieser bildungsbürgerlichen Befindlichkeiten bieten durchaus satirisches und sozialkritisches Potenzial, doch Dresen interessiert sich offenbar für keines von beiden. Sein milde humorvoller Blick voll sentimentaler Sanftheit auf die Wohlstands-Wehwehchen einer ehemals ostdeutschen Elite, die von Altersarmut und -Vereinsamung scheinbar so unberührt blieb wie von der Rechts-Radikalisierung. So liegt es an Dagmar Manzel und Joachim Król, ihren Figuren Profil zu verleihen. Das immerhin gelingt den Leinwand-Veteranen. Ihre differenzierten Darstellungen finden in den Gender-Stereotypen variierenden Rollen der in Aktivismus flüchtenden Bibliothekarin und ihrem genügsam gärtnernden Gatten eine Spur Individualität.
Fazit
Zwischen Lakonie und Larmoyanz inszeniert Andreas Dresen die bourgeoise Banalität als tragikomisches Theater-Kino. Dieses sublimiert ein Gestus der Universalität, den eine so spezifische in ihrem Milieu und dem Ideal heteronormativer Harmonie verankerte Story kaum haben kann. Michael Hammons Kamera kleidet diese gediegene Humoreske in elegante Bilder, deren wechselnde Lichtgebung und Farb-Palette die Jahreszeiten-Kapitel in partnerschaftliche Stimmungsbilder verwandeln. Überzeugendes Spiel von beiden Hauptdarstellenden komplettiert die handwerkliche Kompetenz der Prestige-Produktion. Die ignoriert die soziologischen und zeitpolitischen Aspekte der semi-biografischen Story ebenso geflissentlich wie deren kinematische Konvention.