MB-Kritik

Children of the Monkey 2026

Riccardo Scamarcio
Fausto Russo Alesi
Lidia Liberman
Cristina Odasso
Tancredi Naldini
Andrea Aggio
Luigi Diberti

Inhalt

Dario, der Vater eines behinderten Kindes, erfährt Zuwendung durch den jugendlichen Sohn seines Bruders und stellt fest, dass er diesen seinem eigenen Sohn vorzieht. In der wachsenden Verbundenheit mit seinem Neffen findet er den Sohn, den er sich gewünscht hätte.

Kritik

„Er wird anders sein als du.“, sagt der emotional zerrissene Protagonist Tommaso Landuccis (Caveman) didaktischen Familiendramas in einer Schlüsselszene zu seinem Bruder über dessen jugendlichen Sohn. Den pragmatischen Ratschlag richtet der verheiratete Familienvater Dario (Riccardo Scamarcio, Race for Glory - Audi vs Lancia) ebenso an sich selbst. Das wäre auch offensichtlich ohne sein Fortfahren im Plural. „Wir müssen das akzeptieren. Alles, was wir tun können, ist für sie da sein.“ Nach außen hat der fürsorgliche Hauptcharakter solch eine innige Beziehung zu seinem Sohn Enrico, der etwa gleichen Alters ist wie sein Neffe Giacomo.

Letzter wird immer mehr zum Problemkind in den Augen seines autoritären Vaters Roberto (Fausto Russo Alesi, Portobello), bei dem sich gewaltige Impulse andeuten. Dagegen hat Dario ein kameradschaftliches Verhältnis zu seinem Neffen, in dem er den Sohn sieht, den er selbst nicht haben konnte. Enrico ist schwerbehindert und kognitiv eingeschränkt. Er benötigt ständige Betreuung und Pflege. Als Giacomo Darios altes Dirt Bike entdeckt und beide ein gemeinsames Hobby finden, verschärfen sich die unterschwelligen Spannungen der Familien. Die in der Synopsis suggerierte Zerreißprobe versandet indes in zahmen Animositäten.

Darios Enttäuschung, das traditionelle Ideal typischer Vater-Sohn-Unternehmungen mit Enrico nicht erleben zu können, ist greifbar, doch wie tief seine Abneigung gegen den eigenen Sohn tatsächlich geht, bleibt unklar. Während Robertos Aggression gegenüber Giacomo auch auf physisch manifestiert, scheinen elterliche Gewaltimpulse gegen ein Kind mit Handicap ein Tabu-Thema, das Landucci beflissen vermeidet. Stattdessen suggeriert der sauber aufgereihte Plot die Austauschbarkeit väterlicher Probleme. Roberto sucht nachts nach seinem wegen eines Streits ausgerissenen Sohn, während Dario und seine Frau aufgrund Enricos medizinischer Krisen in die Notaufnahme eilen. 

Die Analogie, die eine körperliche Beeinträchtigung mit jugendlicher Renitenz gleichsetzt, ist auf mehreren Ebenen problematisch. Der dramaturgische Hang zu unausgegorenen Parallelen zeigt bereist der Titel, inspiriert von Äsops Fabel über buchstäblich erstickende Mutterliebe. Nicht zu viel Elternliebe ist das Problem, sondern im Gegenteil der Mangel väterlicher Zuneigung für das eigene Kind - wobei Roberto offenbar keinerlei Bindung zu seinem Neffen hat, was ein Kind mit Handicap als grundsätzlich unerwünscht erscheinen lässt. Gänzlich unterentwickelt ist auch die Rolle der Mütter, die lediglich als funktionale Hintergrundpräsenz erscheinen. 

Fazit

Der diffizile Konflikt im Zentrum  Tommaso Landuccis unausgegorenen Debüt-Dramas wird ebenso abrupt negiert, wie er zu entgehen scheint. Die angekündigte Eskalation bleibt aus und eine unterschwellige Wandlung wird nie greifbar. Angedeutete biografische Traumata und familiäre Gewalterfahrungen des Protagonisten werden flüchtig angedeutet, doch nie ausgearbeitete. Solide schauspielerische Leistungen von Scamarcio und Alesi implizieren eine verkappte Rivalität, mit der die moralistische Handlung nichts anzufangen weiß. Konforme Optik und elegante Settings spiegeln den normalisierten Elitarismus des gediegenen Dramas, das mangels substanzieller Probleme seiner Figuren Trivialitäten dramatisiert - narrativ und inszenatorisch. 

Autor: Lida Bach
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.