Inhalt
Kurz vor der Pensionierung referiert Émile ein letztes Mal über Liebe und Literatur und fordert seine Schüler:innen auf, die Dichter:innen ihres eigenen Lebens zu werden. Doch liebt er selbst noch? Ohne Antwort kehrt er nach Hause zurück, wo er entdeckt, dass seine Frau ihn verlassen hat. Nun muss er selbst leben, was er predigt, während unerwartete Begegnungen sein Leben auf den Kopf stellen.
Kritik
Als eine Einladung, sich selbst neu zu erfinden und das Herz zu erwecken, beschreibt Martin Provost (Die Bonnards – malen und lieben) seinen neunten Kino-Spielfilm: „Eine Einladung, Leichtsinn, den einzig wahren Führer des Herzens, zu umarmen.“ Würde der französische Regisseur dieser postulierten Lektion nur mit seinem selbstverfassten Drehbuch folgen. Aber Provost zeigt nicht nur in Alter und Aussehen auffällige Ähnlichkeiten mit seinem frisch pensionierten Pädagogen-Protagonisten seiner konventionellen Komödie. Deren abgegriffene Story und verstaubte Moral sind das Gegenteil der gepredigten jugendlichen Beschwingtheit.
Letzte versucht Literaturprofessor Emile (Fabrice Luchini, The Empire) wiederzufinden, als er am Abend seiner Pensionierung feststellen muss, dass seine Frau ihn verlassen hat. Über die Trennung empfindet er vor allem Empörung. Der arrivierte Akademiker fühlt Liebe nur für sich selbst und will noch mehr: nicht lieben, sondern geliebt werden. Wer hofft, im Laufe der episodischen Handlung würde der chauvinistische Egoismus geläutert, irrt. Emiles biedere Begegnungen mit einer Reihe eindimensionaler potenzieller Partnerinnen sind so vorhersehbar wie deren Ausgang.
An glaubhaften Konflikten mangelt es der konventionellen Komödie ebenso wie an Witz und Verve. Sämtliche Figuren sind dank ihrer materiellen und sozialen Privilegien im Grunde sorgenfrei. Ihre vorgebliche Sehnsucht nach Zuneigung ist die verklärte Version spießbürgerlichen Selbstbestätigungsbedürfnisses und Normativismus. Eine glaubhafte Auseinandersetzung mit Romantik und Sexualität im Alter, Vereinsamung und des Verlusts der Arbeitsstruktur findet nicht statt. Guillaume Schiffmans gefällige Kamera übersetzt mit ihren lichten, warmen Bildern den narrativen Konformismus in eine austauschbar adrette TV-Optik.
Fazit
Während sein Hauptcharakter sich schließlich einen minimalen Ruck gibt, bleibt Marcel Provost visuell und dramaturgisch fest auf gewohntem filmischen Terrain. Kein formales oder dramatisches Wagnis stört die heteronormative Harmonie des weißen bourgeoisen Figuren-Ensembles. Davon sind Emmanuelle Devos, Chiara Mastroianni und Carole Bouquet bloß Stationen auf der emotionalen Reise des Helden. Pseudo-philosophische Phrasen von universeller Liebe reproduzieren lediglich alloromantische Ressentiments und seichte Klischees. Eine ideale französische Komödie für alle, die sagen, dass sie „französische Komödien“ mögen.
Autor: Lida Bach