MB-Kritik

Magic Atlas 2026

Ya Yu
Yang Yicheng
Kong Qingxin
Zhou Bin
Da Yuzi
Chen Xingye
Zhu Erya
Song Yuanyuan
Niu Guangchao
Chen Qi
Sun Xun
Da Shuaishuai
Gong Bin
Guo Chuang
Chen Buer
Wang Sipu

Inhalt

Ein Magier kommt ins abgeschottete Kohleimperium Luocha und löst Panik in einer Gesellschaft aus, in der es unter brüchigem Frieden bereits brodelt. Nach seiner Verhaftung begegnet er im Gefängnis dem Waisenkind Xiao Zhi. Während eines Mimeng-Fests des kollektiven Vergessens übergibt der Magier Xiao Zhi heimlich einen magischen Atlas, bevor er auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird.

Kritik

Antike Holzschnitte und Comic Skizzen, Tusche- und filigrane Federzeichnungen, kunstvolle Miniaturen und monströse Maschinen verschmelzen in Xun Suns allegorischem Animations-Film zu einem Bilderrausch zwischen Parabel und Palimpsest. Es ist die Quintessenz einer über zehn Jahre währenden kreativen Recherche, die einschneidende historische Ereignisse aus der älteren und jüngsten Vergangenheit zu einem Werk voller Schönheit und Schrecken vereinen. Die assoziativ aufgeladene Dynamik der zeitkritischen Werke und Installationen des chinesischen Künstlers entfesselt dessen Spielfilm-Debüt zu einer hypnotischen Leinwand-Saga über politische Propaganda und manipulative Machtapparate. 

Jene sind in Form infernalische Instrumente visueller Teil der arabesken Bildwelt, deren Details den von George Orwells „1984“ über Chinas Industrialisierungsgeschichte bis zu autobiographischen Aspekten gehenden Bezugsreichtum weiter auffächert. In dem fiktiven Kohle-Imperium Luocha, dessen unterdrückte Bevölkerung regelmäßig bei einem traditionellen Fest seiner Erinnerungen beraubt wird, taucht ein Magier auf. Sein typischer Zylinderhut und schwarzer Frack machen ihn zur anachronistischen Antithese des von archetypischen chinesischen Sagenfiguren bevölkerten Reichs. Um das rebellische Volk zu beruhigen, wird der seltsame Fremde zum Scheiterhaufen verurteilt. 

Vor seinem Autodafé vertraut er im Gefängnis dem Waisenkind mit dem sprechenden Namen Xiao Zhi einen magischen Atlas, der den Jungen auf den Weg zur Erkenntnis führen kann. Buddhistische Schöpfungsmythen, satirische Systemkritik und das kollektive Trauma des Lockdowns sind nur einige Themen der autofiktionalen Auseinandersetzung mit staatlich gesteuerter Geschichtsschreibung, ideologischen Imperialismus und der fließenden Grenze von Imagination und Indoktrination. Als Archetypen innerhalb eines in ständiger Transformation begriffenen Kosmos verkörpern die Charaktere teils gesellschaftliche Positionen, teils Staatsinstitutionen, teils eine kollektive Psyche. 

Erinnerung, Agitation, Fehlinformation und Fiktion sind unauflöslich verflochten in dem staatliche kontrollierten Konstrukt von „Wahrheit“. In Luocha werden Vergangenheit und Geschichte nach Orwell’scher Manier ständig neu definiert. Archive, Fotografien oder eine Landkarte, wie sie Xiao Zhi erhält, sind in diesem Kontext entweder Mittel exekutiver Manipulation oder staatsfeindlicher Subversion. Formal vermittelt die Kombination traditioneller Druckverfahren und künstlerischer Techniken mit digitaler Animation diesen Prozess der Rekonstruktion mittels Dekonstruktion. Nach dieser paradoxen Logik enthüllt die sichtbare Artifizialität eine Illusion als solche, und schafft somit eine Wahrheit.

Fazit

Klassische und kontemporäre Kunsttechniken verschmelzen in Xun Suns faszinierendem Langfilm-Debüt zu einem avantgardistischen Animations-Epos. Dessen vielschichtige Fabel totalitärer Kontrolle und politischer Gleichschaltung, die angesichts Chinas autoritäre Gegenwartspolitik besondere Bedeutung entfaltet, wirkt angesichts des Aufschwungs neo-konservativer Dogmen bedrückend universell. Digitale Medien, Tintenzeichnungen (Shuimohua), Holzdruck und Kohle-Malerei schaffen einen surrealen Spiegel anti-demokratischer Entwicklungen, bevölkert von monströsen Insekten, mythischen Geschöpfen, sprechenden Tieren und repräsentativen Figurentypen.  Geprägt von seiner Jugend im verarmenden Bergbauort Fuxin und dem Lockdown-Trauma reflektiert sein postmodernes Panoptikon die Unmöglichkeit faktischer Gewissheit im demagogischen Delirium der Zeitpolitik. 

Autor: Lida Bach
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