Inhalt
Zwei junge Männer entfliehen ihrem festgefahrenen Leben auf einem Roadtrip in den Norden. Als True-Crime-Parabel ergründet Manhunt Einsamkeit, Männlichkeit und den kolonialen Drang zum Neuanfang – bis die Sinnsuche in Gewalt mündet.
Kritik
Der mehrdeutige Titel Wayne Wapeemukwas (Luk'Luk'I) surrealer Studie eskalierender Aggression spiegelt eine tiefgreifende Ambiguität jenseits dramatischer Doppelungen und narrativer Implikationen. Die in der Synopsis als Ursache jugendlicher Gewalt benannt digitale Abstumpfung ist auch im Filmmaterial präsent. Das toxische Männlichkeitsideal, das mit der ziellosen Wut der jungen Protagonisten in Verbindung gebracht wird, ist Teil der eine hintergründige Analyse untergrabenden konservativen Konstrukte. Als bewährte Strohpuppe struktureller, systemischer und sozialer Missstände dienen einmal mehr brutale PC-Spiele, Songs mit expliziten Lyrics und kontrollierte Substanzen.
Der moralistische Fingerzeig insbesondere auf Ego-Shooter Games, deren Perspektive und Szenarien schon in den ersten paar Szenen präsent sind, und später sowohl die Optik der Inszenierung als auch die Selbststilisierung ihrer zwei Hauptfiguren bestimmt, wirkt enttäuschend reduktiv und reaktionär. Das gilt umso mehr angesichts der formalen und ästhetischen Ambitionen des pessimistischen Road Movies. Dessen in Tradition des Genres zugleich topographisch und psychologisch verlaufende Reise ist die der Teenager Joey (Harris Lowe) und Kit (Landon Tunold) von äußerlich unauffälligen Heranwachsenden zu Mehrfachmördern.
Joey stammt aus einer von Vernachlässigung und Opioid-Abhängigkeit geprägten Unterschicht, sein scheinbar einziger Kumpel aus einer gleichgültigen Elitefamilie. Ihre realen Vorbilder stammten von unterschiedlichen Enden der Mittelschicht, doch die spannende Frage, was die auf der Leinwand klassenübergreifende Kameradschaft motivierte, bleibt ungestellt. Ungleich differenziert ist dafür der kritische Blick auf den Einfluss kolonialistischer Ideologien innerhalb der den Freunden als Ablenkung dienenden Computerspiele. Doch diesen vernachlässigten geschichtspolitischen Ansatz überlagert das Dämonisieren der kolonialistische Stereotype reproduzieren Games, deren Kosmos schleichend in die Realität sickert.
Ihrer gemeinsamen Flucht vor Sinnlosigkeit und emotionaler Leere gibt die zufällige Begegnung mit den gleichaltrigen Schwestern Becca (Bianca Foscht, Eternity) und Dani (Dilara Foscht) trügerische Unbeschwertheit. Doch jeder kleine Konflikt rückt die unaufhaltsame Eskalation näher. Als dramaturgischer Ausgangspunkt des von gespenstischer Ruhe bestimmten Szenarios bleiben die Morde abstrakt. Eine unwirkliche Farbdramaturgie von gleißendem Orange und Rot, in denen die entvölkerte Seelen-Landschaft versinkt, symbolisiert alles verschlingende Aggression. Der indigene Geschichte verdrängende Kolonialmythos eines erhabenen Neuanfangs in unberührter Wildnis wird zum Nährboden neuer Verwüstung.
Fazit
Basierend auf den realen Taten Kam McLeod und Bryer Schmegelskys, die 2019 in British Columbia drei Menschen töteten, entwirft Wayne Wapeemukwa eine formale spannende, ideologisch zwiespältige Analogie verunsicherter Männlichkeit und medialer Verrohung. Die beklemmende Fahrt durch ein gespenstisches Kanada, verfolgt von kolonialistischen Geistern, wird zur düsteren Reise in psychische Abgründe. Momente hypnotischer Intensität und soziologischer Hintergründigkeit prallen auf neo-konservative Dogmen, die beunruhigender sind als die eigentlichen Verbrechen. Jene erscheinen als Echo einer historischen Brutalität, deren stummer Zeuge die spukhaften Landschaften sind.
Autor: Lida Bach