Inhalt
1990, während der Wiedervereinigung, verliert die 50-jährige Patty ihre Stelle und ihre Freundin Jelena. Auf ihren Wegen durch eine ostdeutsche Kleinstadt sammelt sie aussortierte Dinge und begegnet dem jüngeren Franz. Als ihre Wohnung so voll ist, dass sie sie nicht mehr betreten kann, bricht sie in den herbstlich bunten Wald auf.
Kritik
Die Zukunft war einmal in Luise Donschens (Ganze Tage zusammen) surrealer Spurensuche der Sehnsüchte und Träume einer Welt, die sich aufgelöst hat. Mit dieser abstrakten Erfahrung eines schwer greifbaren Verlusts, an den sich bald konkrete Entbehrungen reihen, ringt die isolierte Protagonistin der filmischen Vergangenheitsbetrachtung. In einer ostdeutschen Kleinstadt kurz nach der Wende zerrinnen der 50-jährigen Patty (Gerti Drassl, Welcome Home Baby) sukzessive alle emotionalen und existenziellen Gewissheiten. Hailflos klammert sie sich an ein Gestern, mit dem dessen Perspektiven verloren gegangen sind.
Zuerst wird ihr die Arbeit gekündigt, dann ist ihre langjährige Freundin Jelena (Manuela Biedermann, They Will Be Dust) fort. In einer zaghaften Annäherung an den jüngeren Franz (Clemens Bobke) findet sie die Ahnung einer Hoffnung, die es für sie nicht mehr gibt. In einem verzweifelten Versuch, das vertraute Umfeld festzuhalten, beginnt sie augenscheinlich entsorgte Gegenstände einzusammeln und zu horten. Wenn sie schon nirgendwo hingehört, kann sie doch immerhin den Objekten einen Platz geben. Paradoxerweise verdrängen die Relikte nun sie.
Als in der Wohnung kein Platz mehr ist, zieht Patty in die Wälder des Kyffhäusergebirges, in dem sie einst als Kind gespielt und Höhlen gebaut hat. Zwischen Surrealismus und Symbolismus oszillierend, markiert dieser Rückzug an einen metaphorisch mit dem Unterbewussten assoziierten Ort ihre innere Regression. Donschen verknüpft persönliche Erinnerungen an die als Kind erlebte Nachwendezeit mit märchenhaften Elementen und konstruiert daraus zunehmend gespenstisches Szenario. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren darin nebeneinander, in endlosem elliptischem Eskapismus.
Fazit
In sonniges, warmes Licht getaucht versprechen Helena Wittmanns Kameraaufnahmen eine Geborgenheit, die für die prototypische Hauptfigur Luise Donschens melancholischer Parabel unerreichbar bleibt. Die im Titel evozierte Zeitverschiebung verweist auf die psychologische Desorientierung, die Gerti Drassels empathisches Schauspiel schlicht und lebensnah vermittelt. Realitätsverlust und Entfremdung, sowohl vom sozialen Umfeld als auch dem Ich, überträgt die subjektive Inszenierung in allegorische Situationen. Jene gleiten von pragmatischem Realismus zunehmend in metaphysische Abstraktion. Die historische Zäsur wird zur geisterhaften Erfahrung.
Autor: Lida Bach