Inhalt
Im September 1940 kommt der 49-jährige Henri Marre (Swann Arlaud) mittellos und ohne Kontakte in Vichy an, weit entfernt von seiner Frau und seinen Kindern. Sein Ziel: Einen Platz in der neuen Ordnung, eine Karriere, die seinem Ehrgeiz gerecht wird. Schnell macht er sich bei einigen Würdenträgern beliebt, weil er ein gut funktionierender Bürokrat ist, der macht, was man von ihm verlangt. Dass er dabei mehr und mehr selbst zum Täter wird, blendet Henri einfach aus. Effizient leistet er seinen Beitrag im menschenverachtenden System.
Kritik
„M-a-r-r-e“, überartikuliert der perfide Protagonist Emmanuel Marres (Zero Fucks Given) bissigen Biopics in einer vielsagenden Szene seinen Nachnamen in der Hoffnung, seine Obrigkeit werde ihn sich merken. Eine ähnliche Aufmerksamkeit intendiert der französische Regisseur für den gemeinsamen Familiennamen. Der stammt von seinem Großvater, auf dessen Laufbahn die Handlung basiert. Während die Mehrheit der französischen Bevölkerung angeblich glaubt, ihre Eltern und Großeltern seien in der Résistance gewesen, demonstriert Marre anhand seiner eigenen Familiengeschichte das Gegenteil. Diese scheinbar selbstkritische Position ist tatsächlich nur ein profitables Pendant der gleichen Taktik.
Der biographische Bezug macht das provokante Porträt des skrupellosen Karrieristen Henri Marre (Swann Arlaud, Arco) zum Gegenentwurf einer Erinnerungskultur fokussiert, die Naszis nahezu ausschließlich als invasiven Fremdkörper darstellt. Durch kriecherische Kollaboration mit dem Vichy-Regime taktiert sich der kleine Angestellte zu einem wohlhabenden Handlanger des Faschismus. Eine Gattin Paulette (Sandrine Blancke, Dalva) vertritt als passive Profiteurin eine weitere Variation der komfortablen Komplizenschaft. Ein Unterton grimmiger Komik zieht sich durch diesen exemplarischen Exkurs über die bourgeoise Banalität des Bösen.
Familienhistorische Schuld wird zum vermeintlichen Beleg eines geschärften Geschichtsbewusstseins gegenüber Werken wie László Nemes‘ Widerstandskämpfer-Hymne Moulin und Antonin Baudrys epischem La Bataille de Gaulle: L’âge de fer. Beide laufen passenderweise in Cannes Wettbewerb neben Marres Beitrag, der seine Parallelen zur Gegenwart auf visueller und akustischer Ebene unterstreicht. Olivier Boonjings unstete Handkamera-Aufnahmen und von modernen Pop-Songs befeuerte Szenen im Stil von Musik-Videos steigern das Termpo des sardonischen Szenarios und verleihen den Ereignissen zugleich eine beunruhigende Gegenwärtigkeit.
Fazit
„Every minute of the future/Is a memory of the past“, warnen die Lyrics von Opus „Life is Life“ in Emmanuel Marres desillusionierter Geschichtslektion. Deren schwarzhumorige Story illustriert anhand des perfiden Protagonisten, kongenial verkörpert von Swann Arlaud, die spießbürgerliche Skrupellosigkeit der Schreibtischtäter des Vichy-Regimes. Der Krieg bleibt in dem bewusst bieder gehaltenen Settings ebenso unsichtbar wie Grausamkeit und Gewalt. Deportation erscheint nur als Notiz auf Dokumenten, die das Mittwissen der vermeintlich Ahnungslosen belegen: „When we all give the power/We all give the best/Every minute of an hour/Don't think about the rest …“