Inhalt
Jean Moulin vereint nach seinem Fallschirmsprung über dem besetzten Frankreich die französischen Widerstandskämpfer unter de Gaulles Kommando. Er wird von Gestapo-Chef Klaus Barbie gefangen genommen und gefoltert, doch sein unerschütterliches Schweigen trägt zur Befreiung Frankreichs bei.
Kritik
Vom sachlich-konformen Titel über die ebenso kompetente wie konventionelle Besetzung Gilles Lellouche (Beating Hearts) als ikonischen Résistance-Kämpfer Jean Moulin und Lars Eidinger (Man of Tomorrow) als sadistischer Obersturmführer Klaus Barbie bis zur technischen Perfektion ist László Nemes (Orphan) wuchtige Historien-Huldigung Inbegriff kunsthandwerklichen Konventionskinos. Für solch ein Werk wie seinen zweiten Beitrag zum Wettbewerb von Cannes scheint der ungarische Regisseur prädestiniert dank seiner ungleich dynamischeren filmischen Auseinandersetzungen mit den Schrecken totalitärer Systeme. Deren erneutes Erstarken gibt seinem harschen Charakterporträt seine politische Aktualität.
Jene wächst jedoch niemals in formale oder konzeptionelle Innovation, die sein gleichsam formvollendetes und formelhaftes Widerstandsdrama cineastisch interessanter machen könnten. Fokussiert auf die letzten Wochen im Leben des Titelhelden, bekannt für sein Vereinigung der zersplitterten Résistance sowie seine Weigerung, der Gestapo und seinem Folterer Klaus Barbie Informationen weiterzugeben, kreist der zweiteilige Plot um das psychologische Duell der beiden Männer. Mátyás Erdélys bedrohliche Szenen tauchen den ersten Akt in hartes Schlaglicht und Silhouetten des Film noir.
Der zweite Akt erstarrt in der sepia-stichigen Historizität eines brutalen Verhörprotokolls. Im Sommer 1943 wird der stets gefasste Protagonist bei einer Razzia während eines Geheimtreffens des Widerstands verhaftet. Eidinger verkörpert den für seine Grausamkeit gefürchteten Offizier mit der für Leinwand-Nazis üblichen Mischung aus Kultiviertheit und eruptiver Brutalität. Das infernalische Grauen des Gefängnisses und die psychologische Manipulation in Barbies Büro bleiben stets als kontrollierte Inszenierung greifbar. Die überhöhten Figuren bleiben anankastischen Akteure in einem ästhetischen Apparat.
Fazit
Der sparsame Umgang mit der Blutrünstigkeit und Perversion, für die Klaus Barbie berüchtigt war, entspricht dem inszenatorischen Formalismus László Nemes gediegenen Geschichtskinos. Dessen visuelle Nähe zum Protagonisten überbrückt nie die emotionale Entfremdung eines Charakters ohne menschliche Schwächen und Widersprüche. Dialoge liefern trockene Exposition und Nebenfiguren erfüllen ihre rein funktionale Rolle, ohne dramatische Resonanz zu hinterlassen. Als Personifikationen moralischer Integrität und unmenschlicher Verrohung bleiben die zentralen Antagonisten ähnlich verflacht wie der zeitpolitische Kontext. Abstrahierte Angst trifft auf ästhetisierte Apotheose.
Autor: Lida Bach