MB-Kritik

Elize: Schatten einer Frau 2026

Lorena Comparato
Henrique Kimura
Denise Weinberg
Gustavo Falcão
Julia Shimura
Flora Sandyá
Edson Kameda
Miwa Yanagizawa
Arthur Toyoshima
Julia Konrad
Erica Montanheiro
Marat Descartes
Luciano Quirino
Anajú Dorigon
Ravi Dias
Manu Cardoso

Inhalt

Die Brasilianerin Elize arbeitet als Escort-Dame und lernt eines Tages den Unternehmer mit japanischen Wurzeln in Marcos Matsunaga kennen. Später werden sie ein Ehepaar, doch alles ändert sich, als Elize herausfindet, dass Marcos mit anderen Escort-Damen schläft.

Seit dem 22. Juli auf Netflix abrufbar

Kritik

Der Nachschub an True-Crime-Formaten reißt bei Netflix nicht ab. Hohe Platzierungen in den eigenen Charts scheint den Bedarf zu bestätigen. In den dokumentierten Abgründen der menschlichen Grausamkeit widmet sich der Streaming-Riese nun dem brutalen Mord an Marcos Kitano Matsunaga (Henrique Kimura) bereits ein zweites Mal. Denn vor fünf Jahren erschien die Miniserie „Elize Matsunaga: Es war einmal ein Mord“, bei der sogar die Mörderin Elize Matsunaga (Lorena Comparato) vor der Kamera sein durfte. Wer davon Bescheid weiß, vermutlich vorrangig brasilianische Zuschauer:innen, dürfte sich fragen: Wozu das Ganze nochmal auf Spielfilmlänge?

Nach dem Abspann von Elize: Schatten einer Frau könnte man sich wundern: Gibt es die Geschichte nicht auch in etwas ausführlicher? Es erscheint paradox, ist aber der mangelnden Tiefe geschuldet. Einer der „spektakulärsten Kriminalfälle Brasiliens“, so der Anreißer, zeichnet sich durch die eiskalte Vorgehensweise Elize Matsunagas aus, mit der sie den Mord an ihren Ehemann unter dem Teppich kehren wollte. Doch wer war eigentlich Marcos Kitano Matsunaga und wie sah das Imperium der Familie aus? Darauf will Regisseur Felipe Vellasco nur wenig eingehen.

Die schnelle Google-Recherche verweist auf die in Brasilien erfolgreiche Lebensmittelmarke Yoki, gegründet vom japanischen Einwanderer Yoshizo Kitano. Marcos war sein Enkel. Yoki brachte Mikrowellen-Popcorn in die südamerikanische Nation, in gewisser Weise tragen die Beiträge von Netflix somit eine makabre Note. Festzuhalten ist: National schlug dieser Fall hohe Wellen, für ein internationales Publikum wird dieser Einfluss der Marke und der Familie gar nicht spürbar.

Stattdessen zeichnet Vellasco von Marcos eine nachvollziehbare, wenngleich vernichtende Charakterstudie: Ein Nepo-Baby, das das Reichtum in hedonistischer Manier in einem Club verfeuert. Gegenüber Escort-Damen schimmert alsbald der Chauvinist in ihm durch, nachdem er sie mit Geld, Ausflügen und Geschenken verführt hat. Das lenkt nicht komplett von seiner augenscheinlichen Inkompetenz im Verwalten des Vermögens ab. Das kritischste Merkmal: Trotz Heirat misshandelt und stigmatisiert Marcos weiterhin seine Frauen auf Abruf, zu denen er Elize insgeheim immer dazuzählen würde. Sie will aber unbedingt ihren Status als Sexarbeiterinnen ablegen und ihren Lebenstraum mit einem wohlhabenden Mann verwirklichen. „Anora“ von Sean Baker lässt grüßen.

Gegenüber dem Oscar-Gewinner fehlt dem Netflix-Krimi die Fallhöhe von Elizes gescheitertem Traum, auch das ist der kompakten Lauflänge geschuldet. In drei Kapiteln spult Vellasco die Entwicklung zum Mord ab, gräbt in der Geschichte von Elizes Familie, um ihr schlummerndes Potenzial zum Mord zu ergründen. Polizeiverhör und Gerichtsprozess werden superschnell abgewickelt. Die Handlung überrascht daher kaum, dafür überzeugen die schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller:innen. Am stärksten ist das überaus gemeine Sounddesign nach dem Mord.

Die emotionalen Fronten sind derweil klar verteilt. Ein Hauch von Sympathie soll man für Elize haben, doch wie immer gilt: Nichts rechtfertigt einen Mord! Auch nicht das Zerlegen eines toten Menschen. Nach rund 90 Minuten verbleibt der Name Elize Matsunaga als müde Zusammenfassung dieser brutalen Tragödie.

Fazit

280 Minuten hat Netflix mittlerweile Elize Matsunaga investiert. Diese filmische Aufarbeitung ihres Mordes an einen Unternehmer wirkt aber inhaltlich verkürzt, wodurch die heftige Tat nicht mal ansatzweise zu begründen wäre. Es wird nicht die Bedeutung dieses Falls klar, es wird auch nicht deutlich, zu was Marcos Matsunaga zum Beispiel noch alles in der Lage gewesen wäre. Antworten könnte die dazugehörige Miniserie geben. Hier bleibt nur die Mündung in nachträglicher Brutalität übrig. Dabei sticht die Soundgestaltung hervor und darüber hinaus spielen Lorena Comparato als Elize und Henrique Kimura als Marcos Matsunaga ihre Parts glaubhaft. Dieser True-Crime-Thriller mag einen Abend nach der Arbeit gut füllen, die Halbwertzeit des Gesehenen ist wenig überraschend kurz.

Autor: Marco Focke
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