3.5

MB-Kritik

Kraken - Erwachen der Tiefe 2026

3.5

Jon Kennedy Dushime Niyokindi
Silje Breivik
Anderz Eide
Sara Khorami
Mikkel Bratt Silset
Tor Christian Bleikli
Ingvild Holthe Bygdnes
Jon Bleiklie Devik
Øyvind Brandtzæg
Jenny Evensen
Steinar Klouman Hallert
Filip Bargee Ramberg
Jon Erik Myre
Hans Morten Hansen
Magnús Blöndal Jóhannsson

Inhalt

Als sich im tiefsten Fjord Norwegens rätselhafte Vorfälle häufen, wird eine Meeresbiologin entsandt, um die Situation vor Ort zu untersuchen. Dabei stellt sie fest, dass durch menschliches Eingreifen etwas gleichermaßen Altes wie Gefährliches erwacht ist.


Kritik

Die Tiefen der Ozeane gehören bis heute zu den am wenigsten erforschten Regionen unseres Planeten. Trotz modernster Technik verbirgt das Meer noch immer zahlreiche Geheimnisse und lässt reichlich Raum für Spekulationen. Welch unglaubliche Kreaturen mögen dort unten wohl auf ihre Entdeckung warten? Und wäre es zu unser aller Wohl womöglich besser, wenn wir auf diese Frage nie eine Antwort erhalten? Exakt hier hat das Monsterkino bereits mehrfach angesetzt – zuletzt etwa in Form des Tiefseehorrors Underwater oder des actionorientierten Meg samt seiner Fortsetzung Meg 2: The Trench. Auch der norwegische Regisseur Pål Øie (The Tunnel) widmet sich diesem Motiv, wobei er mit seinem hierzulande am 23. Juli 2026 in den Kinos startenden Film Kraken eine Kreatur ins Zentrum rückt, die seit Jahrhunderten durch Mythen und Seefahrerlegenden geistert.

Das Ergebnis ist eine Mischung aus klassischem Creature Feature sowie modernem Ökohorror, die sich weit abseits von etwaigen Trash-Gefilden bewegt. Und darum geht es bei Kraken: Aufgrund von sonderbaren Ereignissen wird die Meeresbiologin Johanne in ihre Heimatregion geschickt, wo sie eine im tiefsten Fjord Norwegens gelegene Lachszuchtstation inspizieren soll. Dort wird ein neues, auf Ultraschall basierendes Verfahren angewandt, um die Lachse von Parasiten zu befreien, wodurch höhere Gewinne erzielt werden können. Womöglich ist das die Erklärung für die seltsamen Vorgänge. Doch Johanne muss erkennen, dass die Wahrheit weitaus folgenschwerer ist und sie sich alle in höchster Gefahr befinden.

Das Muster, dem Regisseur Pål Øie hierbei folgt, könnte klassischer kaum sein: Es geschehen beunruhigende Dinge, die zu Nachforschungen führen, im Zuge derer man schließlich auf eine Bedrohung stößt, die es zu überleben beziehungsweise zu eliminieren gilt. Fans des Monsterkinos ist dieser Ablauf aufgrund seiner langen Tradition innerhalb des Genres natürlich bestens bekannt. Fest etabliert – wenn auch nicht erstmals angewandt – wurde die Formel durch den 1953 erschienenen Panik in New York, der seinerseits gerne als so etwas wie die Blaupause des 50er-Jahre-Monsterfilms bezeichnet wird. Ihm folgten seinerzeit unzählige ähnlich geartete Werke wie zum Beispiel The Deadly Mantis, The Black Scorpion oder Das Grauen aus der Tiefe, die mit allerlei „neuen“ Kreaturen auftrumpften, deren dramaturgische Struktur sich allerdings häufig kaum voneinander unterschied. Und daran hat sich bis heute auch nicht allzu viel geändert.

Dementsprechend wundert es kaum, dass mit dieser Vertrautheit gewisse Ermüdungserscheinungen einhergehen. Das gilt insbesondere dann, wenn Filme sich – in Verbindung mit einem eklatanten Wissensvorsprung des Publikums – mit der Entwicklung ihrer Story zu viel Zeit lassen. Zu oft kommt es vor, dass Figuren noch rätseln, was wohl vor sich gehen mag, während wir darüber allein schon aufgrund des Filmtitels oder des Filmplakats relativ gut im Bilde sind, wodurch sich die Spannung spürbar in Grenzen hält. Eine Problematik, der sich auch Kraken nicht vollständig entziehen kann. Das ist umso bedauerlicher, weil der Film den Nachteil seines verräterischen Titels dank einer an Cloverfield erinnernden Idee zumindest teilweise zu umschiffen vermag. Nichtsdestotrotz bleibt Kraken in Sachen Storytelling hinter seinen Möglichkeiten zurück. Grund dafür ist, dass Pål Øie das Tempo über weite Strecken hinweg recht niedrig hält.

Zwar sorgen vereinzelte Schreckmomente sowie eins, zwei kleinere Härten dafür, dass das Geschehen in den ersten rund 60 Minuten nie gänzlich zum Stillstand kommt, besonders ereignisreich oder über die Maßen spannend fällt die Handlung bis dahin jedoch nicht aus. Filme wie Lake Placid, Deep Rising oder Mimic haben dies im direkten Vergleich deutlich besser hinbekommen. Wirklich punkten kann Kraken hingegen mit seiner Atmosphäre. Der norwegische Fjord (gedreht wurde zu großen Teilen am Sognefjord) erweist sich als beeindruckende Naturkulisse, die dem Film einen ganz eigenen Charakter verleiht. Gemeinsam mit der stählernen, dezent abgenutzten Fischzuchtanlage entsteht ein Schauplatz, der gleichermaßen glaubwürdig wie stimmungsvoll wirkt. Dazu kommen die obligatorischen Aufnahmen aus der Vogelperspektive oder knapp über beziehungsweise unter der Wasseroberfläche, die sowohl Ehrfurcht einflößen als auch ein mulmiges Gefühl hinterlassen.

Unterstützt wird das Ganze von einem gelungenen Score, der die Bilder trägt und die bedrohliche Grundstimmung auch während der ruhigeren Passagen aufrechterhält. Was bei Kraken – wie so häufig innerhalb des Creature Feature-Genres – ebenfalls mitschwingt, ist eine Kritik an menschlichen Verhaltensweisen. Profitgier, wissenschaftliche Selbstüberschätzung und der Glaube, technische Innovation, samt der sich daraus ergebenden Konsequenzen jederzeit kontrollieren zu können, bilden hier den Nährboden für das einsetzende Unheil. Ein Ansatz, der bei Kraken allerdings genauso oberflächlich bleibt wie es bei vielen Genrekollegen. Die ökologischen Untertöne sind klar erkennbar, entwickeln sich aber nie zu einer wirklich tiefgehenden Auseinandersetzung, weshalb die Botschaft eher mitschwingt, als nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Wer ebenfalls wenig Eindruck hinterlässt, sind die vorkommenden Figuren. 

Denn anders als der Fjord besitzen sie allesamt nur wenig Tiefe. Ihren Zweck mögen sie erfüllen und erfreulicherweise geht einem keine von ihnen auf die Nerven, nennenswerte emotionale Bindung entsteht jedoch keine. Dadurch fehlt es den Gefahrensituationen an jenem emotionalen Gewicht, das etwa aus der Sympathie für die Crewmitglieder der Nostromo in Alien oder die ersten „Parkbesucher*innen“ aus Jurassic Park erwuchs. Besonders schwer wiegt dies im Falle der Hauptfigur, deren Verbindung zu den anderen Charakteren übrigens ziemlich konstruiert wirkt. Obwohl diese als Einzige zumindest so etwas wie einen Hauch von Hintergrund erhält, wird selbiger kaum mehr als angedeutet, um ihn dann überdies noch ungenutzt fallen zu lassen. Eine hervorragende Schauspielerin könnte diese fehlende Figurenzeichnung mit Sicherheit ein Stück weit überspielen, doch Sara Khorami (Troll 2), die sich genauso wie der Rest des Ensembles auf einem routinierten Niveau bewegt, verfügt nicht über die Leinwandpräsenz, um diese Schwäche vollständig auszugleichen.

Was Kraken indes sehr gut zu Gesicht steht, ist sein letztes Drittel. Sobald sich die Bedrohung verdichtet und das titelgebende Monstrum endgültig entfesselt wird, zieht das Tempo merklich an. Plötzlich entwickelt Øies Werk jene Energie, die man sich von einem Monsterfilm dieser Art erhofft, mit der Folge, dass nun auch die Action- und Horrorsequenzen stärker in den Fokus rücken. Damit einher geht eine Vielzahl kurzer Szenen, die eindeutig an Werke wie The Fog, Jurassic Park, Deep Rising, Alien sowie H. P. Lovecrafts "Cthulhu-Mythos" angelehnt sind. Das Schöne dabei: Die Verweise wirken weniger wie eine aus Ideenarmut geborene Ansammlung fremder Einfälle, sondern vielmehr wie eine liebevolle Verbeugung vor einem Genre, dessen Geschichte hier jemand offensichtlich kennt und zu schätzen weiß. Die überwiegend aus dem Computer stammenden Effekte fallen dabei überraschend gelungen aus und fügen sich zumeist harmonisch in die Umgebung ein. Noch überzeugender sehen die praktischen Effekte aus. 

Nach weniger als 90 Minuten, die sich rückblickend ein klein wenig länger anfühlen, ist der maritime Spuk dann schließlich vorbei. Was bleibt ist ein Werk, das trotz nicht von der Hand zu weisender Schwächen eines der interessantesten Creature Features der letzten Jahre darstellt. Das mag zugegebenermaßen paradox klingen, liegt aber daran, dass das Monsterkino zuletzt leider nur selten echte Höhepunkte hervorgebracht hat. Jedenfalls dürften all jene, die Monster, Ungeheuer oder andere fantastische Kreaturen lieben und denen auch ruhigere, weniger reißerische Genrefilme wie beispielsweise Sea Fever gefallen, mit Øies Streifen ganz gut bedient sein. Abschließend noch ein kleiner Hinweis: Dieses Jahr ist mit Kraken (oder Кракен, so der Originaltitel) noch ein anderer, aus Russland stammender Monsterfilm herausgekommen, der das titelgebende Wesen ebenfalls auftreten lässt. Gerade im Hinblick auf eine spätere Heimkinoauswertung besteht daher Verwechslungsgefahr. Dies erklärt vielleicht auch, warum der norwegische Kraken noch den Zusatz „Erwachen der Tiefe“ verpasst bekam. 

Fazit

Regisseur Pål Øie liefert mit „Kraken“ ein atmosphärisches Creature Feature, das klassisches Monsterkino mit modernem Ökohorror verbindet. Zwar lässt es dieser bekannten Mustern folgende Streifen in der ersten Filmhälfte etwas zu ruhig angehen und den Figuren mangelt es deutlich an Profil, dafür wird im Gegenzug vor allem mit einer beeindruckenden Landschaftskulisse sowie einem starken, effektreichen Schlussdrittel gepunktet. Und so ist „Kraken“ am Ende vor allem eins: eine liebevolle Verbeugung vor dem Monsterkino – atmosphärisch, visuell überzeugend und voller Genre-Referenzen.

Autor: Constantin Wieckhorst
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