Inhalt
„Selvi“ ist ein intimes Arthouse-Sozialdrama, das eine aus dem Ausland stammende Pflegekraft in der häuslichen Betreuung durch die emotionalen und sozialen Realitäten von Pflege, Pflicht und Überlebenskampf begleitet.
Kritik
„Du bist zu spät!“, beschwert sich die Vorgesetzte der erschöpften Protagonistin Sailesh Rathnakumars sozialkritischen Porträts, als sie Selvi (Anjali Patil, Delhi in a Day) auf der Treppe begegnet. Das ist die junge Heimpflegerin, die für eine Festanstellung als Krankenschwester studiert und parallel auf Teilzeit arbeitet, allerdings für den Heimweg. Sie ist noch vor Ort, weil sie für ihre befreundete Kollegin die Nachtschicht übernommen hat. Davor hatte sie die Tagschicht sowie die Spätschicht davor. Seit drei Tagen hat sie nicht geschlafen, erklärt sie der desinteressierten Chefin, die wenig Verständnis zeigt.
„Something bad will happen“, versucht Selvi zu erklären, doch mentale Präsenz scheint in ihrer Position weder erfordert, noch erwünscht. Ihre geistige Leistungsfähigkeit bei der sensiblen Aufgabe, die medizinische Versorgung, körperliche Unterstützung und menschliche Zuwendung vereint, selbst wenn die äußeren Bedingungen das praktisch unmöglich machen. Arbeiterrechte gelten nicht in der Gig Industry, die ihr menschliches Kapital sukzessive zermürbt. Professionelle und private Verpflichtungen verzahnen sich zu einem Hamsterrad, aus dessen immer stärker anziehender Tretmühle es keinen Ausweg gibt. Als der Aussetzer schließlich passiert, gilt Selvi als Verantwortliche.
Der Name der Hauptfigur bedeutet „Miss“, als sei der Bediensteten-Job ihr buchstäblich in die Identität eingeschrieben. De facto ist er das auch in einer von eisernen Klassenhierarchien bestimmten Gesellschaft. Darin zeigt das verzweifelte Ringen der Protagonistin exemplarisch das aussichtslose Abmühen um gesellschaftlichen Aufstieg und professionelle Anerkennung. Dass ihre beste Freundin Kavitha (Swathy Krishnan), die ihr den Job verschafft hat, den Freitod sucht, scheint auch Ausdruck einer existenziellen Erschöpfung. Jene ergreift schließlich Selvi, als sie Kavitha (Swathy Krishnan) vertritt.
Fazit
Der Grauschleier über Bargav Sridhars Kameraaufnahmen übernimmt den benommenen Blickwinkel der Hauptfigur, die Existenzangst und freundschaftliche Pflicht über körperliche und geistige Grenzen drängen. Schlimmer als Überarbeitung ist nur Arbeitslosigkeit. Aus diesem zynischen Zwang wächst die Macht des ausbeuterischen Arbeitsmarkts, der zugleich patriarchalisches Machtinstrument ist. Die Ehe erwies für weibliche Arbeitskräfte zur einzigen Alternative, in der Selvis Sorgearbeit dann unentlohnt bleibt. Anjali Patils eindringliches Spiel verrät die totale Übermüdung in ziellosen Blicken und mechanischen Bewegungen in der berührenden Studie der Vernachlässigung derjenigen, die Fürsorge leisten.