Inhalt
Der über einen Zeitraum von 25 Jahren gedrehte Film zeichnet die Lebenswege zweier unzertrennlicher Cousinen, Guillermina und Belinda, nach, während sie in der weiten argentinischen Pampa aufwachsen.
Kritik
Als sie die beiden weiblichen Hauptfiguren zu filmen begann, wurde ihre Kamera zu einem spielerischen Instrument und sie selbst zu einem weiteren Kind in dieser Welt.“, beschreibt Alessandra Sanguinetti ihren Kontakt mit den kindlichen Charakteren ihrer observativen Langzeit-Doku. Diese begleitet flüchtige Kindheit der Cousinen Guille und Belinda, denen die etablierte Photographin 1999 bei der Arbeit an einem Projekt über die Gefühlswelten von Farm-Tieren traf. In den damals 9-jährigen Freundinnen fand sie ein anderes Sujet, dem sie sich mehr als zwei Jahrzehnte widmete.
Formal minimalistisch, chronographisch episch, lieferte das Bildmaterial bisher zwei Foto-Bände - der 2010 erschienene „The Adventures of Guille and Belinda and The Enigmatic Meaning of Their Dreams“ und der 2020 publizierte „The Illusion of an Everlasting Summer“ , der Grundlage Sanguinettis erste Kinoarbeit. Jene begleitet in zwei losen Kapiteln Kindheit und Jugendjahre der äußerlich gegensätzlichen Mädchen. Die Abgrenzung beider Lebensphasen verstärkt die extrem frühe Mutterschaft der Protagonistinnen, die bei ihrem ersten Kind noch Teenager scheinen. Der seismische Umbruch zeigt exemplarisch die gravierenden Auslassungen des biographischen Diptychons.
Deren Gefühle bezüglich der Situation, die womöglich brutale Konsequenz Argentiniens bis 2020 geltenden Abtreibungsverbots war, partnerschaftlicher Kontext und familiäre Reaktion - nichts davon wird deutlich. Die zwischenmenschliche Distanz der Cousinen zur Regisseurin und deren Kamera zeigt sich mit befremdlicher Deutlichkeit in dem sentimentalen Szenario. Das zeigt nahezu ausschließlich unbeschwerte Momente kindlicher Spielerei und Tagträume. Selbst Alter, Familienverband und sozialer Hintergrund der Mädchen bleiben schemenhaft, ihre Sehnsüchte, Sorgen und Konflikte unklar. So nah die Kamera physisch scheint, so weit entfernt ist von existenziellen und emotionalen Erkenntnissen.
Fazit
Also Alessandra Sanguinetti ihr Protagonistinnen-Paar das erste Mal sah, erinnerte deren äußerliche Unbeschwertheit die zu diesem Zeitpunkt 28-jährige Photographin angeblich an ihre eigene glückliche Kindheit im ländlichen Argentinien. Letztes wird zur konformen Kulisse eines beschaulichen Bilderbogens, der Konfliktpotenzial geflissentlich ausweicht. Entsprechend rar sind psychologische Dynamik und gesellschaftliche Einblicke. Diese verklärende Vermeidung forciert und reflektiert die lokale Begrenzung auf die heimische Sphäre, deren restriktiven Rahmen die Kamera kaum je verlässt. Als pittoreske Projektionsfläche verrät der filmische Fotoroman mehr über nostalgische Narrative als kindliche Gefühlswelten, Gesellschaft und Gender-Rollen.
Autor: Lida Bach