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Kritik
Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
Ende des 20. Jahrhunderts kam es auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien zu einer Serie von Kriegshandlungen, die gemeinhin unter dem Namen Balkankrieg zusammengefasst wurden und in ihrem Verlauf mehr als 100.000 Menschleben kosteten. Neben der immensen Zahl an zivilen und militärischen Opfern kam es im Zuge des jahrelangen Konflikts zu einer Destabilisierung der gesamten Region, was wiederum Plünderungen, Menschenhandel und Prostitution Tür und Tor öffnete. In eben diesem Umfeld siedelt Make-Up und Special Effects Artist Paul Hyett („The Descent“, „Doomsday“) sein Regiedebüt „The Seasoning House“ an, bei dem er sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Die beinharte Mischung aus Prostitutionsdrama und Rape & Revenge Streifen, die seit Ende letzten Jahres bereits auf mehreren Festivals reüssiert ist, hat ihren offiziellen Kinostart in den UK am 28. Juni 2013.
Trotz seiner eher genretypischen Grundstory, um eine, sich an ihren Peinigern rächende junge Frau, ist „The Seasoning House“ ein unbequemer Film, der sich hart an der Grenze des Erträglichen entlang bewegt. Weniger durch die sehr wohl vorhandenen äußerst blutigen Todesszenen, sondern vor allem durch die schmerzhaft realistischen, extrem harten Misshandlungs- und Vergewaltigungssequenzen, die in viel zu regelmäßigen Abständen ungemein klar und nüchtern über die Leinwand huschen und bei denen Kameramann Adam Etherington Nichts, aber auch wirklich Garnichts, der Fantasie überlassen hat. Als Stichwort sei an dieser Stelle lediglich ein im Zuge des Geschlechtsverkehrs (wenn man das bestialische Treiben denn so nennen mag) brutal gebrochenes Becken genannt. Diese rohe Erbarmungslosigkeit und absolute Ausweglosigkeit wird durch die nihilistische Kulisse des verwahrlosten Hauses, in der man den Gestank von Blut, Schweiß, Erbrochenem und Scheiße beinahe riechen kann, noch zusätzlich verstärkt. Das wiederum spricht für die effektive Ausstattung des Films, trägt aber nicht gerade zur leichteren Verdaulichkeit des Streifens bei.
„The Seasoning House“ ist – zumindest in den ersten zwei Dritteln seiner Laufzeit – folglich nicht nur auf Grund des zeitlichen und örtlichen Settings und der düster realistischen Optik sondern auch wegen der hemmungslosen Zurschaustellung von Gewalt (an Frauen) ein etwas atypischer Vertreter der aktuellen, vergleichsweise sanften US-amerikanischen Rape & Revenge Welle („Last House on the Left“). Da wird geblutet, geschrien, geheult, geprügelt, erstochen und erwürgt, ohne dass dabei der unfreiwillige Koitus wirklich unterbrochen wird. Erst mit Beginn des letzten Drittels und damit des Überlebenskampfes von Angel schlittert „The Seasoning House“ vom hyper-realistischen Drama-Thriller-Mix in Richtung klassischer Genrestreifen, was der Produktion einen ungewollt klischeehaften Touch verleiht. Eigenartiger Weise erleichtert dieser Stimmungsknick die emotionale Verwertbarkeit des Gesehenen und erinnert den geneigten Betrachter daran, dass es sich letzten Endes doch nur um einen (Unterhaltungs-)Film handelt.
Die Glaubwürdigkeit eines Streifens dieses Genres steht und fällt bekannter Weise mit den Leistungen der weitgehend unbekannten Darsteller. Diese wurden im Falle von „The Seasoning House“ durch die Bank gut gecastet und können ganz in ihren jeweiligen Rollen aufgehen, da ihre Gesichter – mit Ausnahme von Sean Pertwee, dessen markante Züge schon so manche (Independent-)Produktion veredelt haben – noch nicht mit einem bestimmten Rollentypus in Verbindung gebracht werden. Vor allem Rosie Day und Dominique Provost-Chalkley beeindrucken durch ihr schmerzhaft realistisches Schauspiel. Trotz eines eher kurzen Gastspiels hat sich in diesem Zusammenhang jedoch auch der monströse Newcomer Ryan Oliva, der den undankbaren Job des brutalen Vergewaltigers mit vollem Körpereinsatz mimt, eine gesonderte Erwähnung verdient.