Inhalt
Der renommierte Dokumentarist Thomas Heise beginnt einen Film über die Schönhauser Allee in Berlin, an der er jahrzehntelang lebte. Einige Monate später stirbt er unerwartet. Exklusives Archivmaterial gibt Einblick in gelebte Geschichte und einen grossen Denker.
Kritik
Eine späte Szene Peter Badels und Chris Wrights dokumentarischen Porträts des Berliner Dokumentar- und Theaterregisseurs und Autoren Thomas Heise (Gegenwart) berührt die existenzielle Zäsur, die dessen Kontext und Bedeutung grundlegend veränderte. Ein Kiez-Nachbar Heises, der zeitweise ihm fast direkt gegenüber, am S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee lebte, allerdings wohnungslos in einem Zelt unter den Hochschienen, spricht mit den Regisseuren über den Stand des Projekts: „Euch ist der Produzent gestorben?“ Und Badel erwidert: „Unser Regisseur“. Heise hatte Krebs; dennoch kam sein Tod im Mai 2024 plötzlich.
Gefragt, was in seinen Augen das größte Problem der Gegenwart sei, erwidert der Mann von der Schönhauser Allee: „Zeit und Vergänglichkeit.“ Es ist eine zugleich schlichte und tiefgründige Antwort, melancholisch und passend, auch weil sie von einem Menschen am Rand der Gesellschaft kommt. Einem derjenigen, die oft unsichtbar bleiben für die Masse, und die der Regisseur ins Licht seiner Kamera rückte. Zeit und Vergänglichkeit sind auch zwei zentrale Themen Heises letzten Werks, das sein langjähriger Kameramann Badel und Cutter Wright nun abgeschlossen haben.
Die bilaterale Biografie sieht den Menschen als Teil und Chronisten seines urbanen Raums, der wiederum die Geschichte der Stadt reflektiert, in der sich die Geschichte des Landes abzeichnet. So ist der titelgebende Übergang die Straßenkreuzung, Heises Lebensstationen, die Wende, der Schritt ins Jenseits. Ruhige Schwarz-Weiß-Aufnahmen beobachten den belebten Verkehrsknotenpunkt als Ruhepunkt im Lauf der Geschichte. Auszüge aus Diskussionen und Interviews stehen im Dialog zu Erinnerungen von Weggefährt*innen. Als gleichwertige Bestandteile einer historischen Erzählung eröffnen Gegenwartsaufnahmen und Archivmaterial auf die Zwischenräume und Bruchstellen von Geschichte und Gesellschaft.
Fazit
Fotografien, Texte, Audio-Mitschnitte und alte Filmaufnahmen verdichten sich zu einem organischen Zeit- und Charakterbild, in dem der Wandel die einzige sichere Konstante ist. Peter Badels und Chris Wrights langjährige Zusammenarbeit und persönliche Vertrautheit mit Thomas Heise gibt dessen letztem Werk einen respektvollen Rahmen, der stets die inszenatorische Handschrift des Protagonisten greifbar lässt. Bisher ungezeigte Einblicke in Heises Ehe mit Michael Saringan und das schwierige Verhältnis zu den Eltern, schaffen ein ebenso haptisches Bild von einem verletzlichen Individuum wie von seinen Kreativ-Prozessen und gesellschaftspolitischen Positionen.
Autor: Lida Bach