Bildnachweis: © Studiocanal | Szene aus "Roman Polanski: Wanted & Desire"

"The Girl": Neuer Film erzählt den Roman-Polanski-Skandal erstmals aus Sicht des Opfers

von Sebastian Groß

Der Fall gehört zu den dunkelsten und zugleich am hartnäckigsten verzerrten Kapiteln der Hollywood-Geschichte. Über Jahrzehnte hinweg dominierten juristische Schlagzeilen, Mythenbildung und die Aura eines gefeierten Regisseurs die öffentliche Wahrnehmung – während die Perspektive des damals 13-jährigen Opfers Samantha Geimer immer wieder an den Rand gedrängt wurde. Nun soll ein neuer Spielfilm genau diesen Blick ins Zentrum rücken und eine Geschichte neu erzählen, die lange von anderen bestimmt wurde.

Ein Verbrechen und seine Folgen

Nachdem Samantha Geimer 1977 in Los Angeles von Polanski sexuell missbraucht worden war, bekannte sich der Regisseur im Rahmen eines Deals der „unlawful sexual intercourse with a minor“ schuldig. Noch bevor das Strafmaß verkündet wurde, entzog er sich jedoch der US-Justiz und verließ das Land. Seitdem lebt Polanski im europäischen Exil; Auslieferungsversuche scheiterten über Jahrzehnte hinweg, während seine Karriere international weiterging.

Für Geimer hingegen begann eine lange Phase öffentlicher Vereinnahmung. Immer wieder wurde über sie gesprochen, selten mit ihr. Medien belagerten sie und ihre Familie, intime Details wurden ausgeschlachtet, ihre eigene Stimme blieb dabei oft unbeachtet. Zwar erklärte Geimer später mehrfach öffentlich, Polanski vergeben zu haben, und der Fall wurde 1997 zivilrechtlich beigelegt – doch der Schatten des Geschehens begleitete sie ein Leben lang.

Ein Film aus der Perspektive der Betroffenen

Genau hier setzt nun das Filmprojekt The Girl an. Basierend auf Geimers Memoiren The Girl: A Life in the Shadow of Roman Polanski erzählt der Film die Ereignisse konsequent aus ihrer Sicht. Im Mittelpunkt steht nicht der Täter, sondern ein Mädchen, das zwischen ersten Schauspielträumen und brutaler Grenzüberschreitung seine Unschuld verliert – und danach lernen muss, sich gegen eine gnadenlose Öffentlichkeit zu behaupten.

Regie und Drehbuch verantwortet die französische Filmemacherin , die mit dem Projekt ihr Spielfilmdebüt vorlegt. Sie betont, dass es ihr nicht um eine erneute Aufarbeitung des Skandals gehe, sondern um eine Rückgabe der Erzählhoheit: Die Geschichte werde vollständig aus Samanthas Erinnerungen und innerer Wahrnehmung heraus erzählt, als intimes Porträt einer Kindheit, die von Machtstrukturen und medialer Verzerrung überformt wurde.

Besetzung, Haltung und persönliche Zustimmung

In den Hauptrollen sind Dree Hemingway (The Disaster Artist) als Geimers Mutter Susan und Gore Abrams (The Substance) als Stiefvater Bob zu sehen. Die junge Samantha verkörpert die 13-jährige amerikanisch-ukrainische Newcomerin Carolyn Kachen, die zuvor vor allem im Theater auffiel, unter anderem in Annie und Matilda

Geimer selbst begleitet das Projekt mit öffentlicher Zustimmung. In einem Statement erklärte sie, die Geschichte sei für alle Beteiligten eine lebenslange Last gewesen, sie hätte sich jedoch nie vorstellen können, dass daraus etwas „Schönes“ entstehen könne. Die Sensibilität und Herangehensweise der Regisseurin hätten dies ermöglicht. The Girl versteht sich damit weniger als Anklagefilm, sondern als Versuch, einer lange überlagerten Biografie Würde, Klarheit und Eigenständigkeit zurückzugeben.

Noch ist unklar, wann der The Girl in die Kinos kommen soll. Polanskis letzter Film war der 2022 gedrehte The Palace. Der Titel gilt als sein bislang schwächstes Werk und feierte in Venedig seine Premiere. Mehr dazu hier.

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