MB-Kritik

Al Baraneya 2026

Inhalt

Die schwangere Amal lebt mit ihrer Familie in Al Baraneya, einem von Jasminfeldern umgebenen Dorf vor den Toren Kairos. Ihr chaotisches, aber liebevolles Leben gerät aus dem Gleichgewicht, als ein Landbesitzer anbietet, ihr Land zu kaufen. Der Verkaufsdruck spaltet die Familie, und es kommen Zweifel auf. Als Amals Cousine Rania aus Kairo zu Besuch kommt, fasziniert sie Amal und deren jüngere Schwestern mit ihrem modernen Lebensstil: Jeans, TikTok-Videos und lebhaften Geschichten aus der Großstadt. Amal beginnt, das Leben zu hinterfragen, das für sie vorgezeichnet schien, und träumt davon, nach Kairo zu ziehen. Angesichts des möglichen Landverkaufs, der eine Zukunft in der Stadt in Aussicht stellt, gerät der unerschütterliche Glaube der Familie an ihr Leben im Dorf ins Wanken.

Kritik

Geborgenheit und Gefangenschaft, Stabilität und Stillstand, Familie und Verpflichtungen: Der Name des Ortes, in dem sich Ashgan El-Hamus’ warmherziges Doku-Drama entspinnt, repräsentiert all dies und noch mehr gegensätzliche Assoziationen für die junge Protagonistin, die sich zwischen Tradition und Zukunft entscheiden muss. Amal (Reem Amer) lebt mit ihrer Großfamilie in einem kleinen Dorf außerhalb Kairos. Die idyllische Lage des von Blumenfeldern umgebenen Heims und sein lebhafter Gemeinschaftsalltag verdecken allzu leicht die Enge dieses scheinbar unausweichlichen Lebens.

Dazu eröffnet sich plötzlich eine Alternative, als ein Immobilienhändler der Familie einen guten Preis für ihr Land bietet und Amals Cousine Rania aus der Hauptstadt zu Besuch kommt. Ihr Koffer voller Geschenke aus der Metropole, ihr modernes Outfit und die Social Media Einblicke in ihre urbane Routine wecken in Amal eine verdrängte Sehnsucht. Trotz ihres jungen Alters bereits verheiratet und schwanger, eröffnen sich ihr die Chancen, die sie aufgibt, um den Lebenslauf ihrer Großmutter zu wiederholen. 

Traditionalismus und patriarchalische Strukturen verbergen sich in den energetischen Handkamera-Aufnahmen voller Licht und Lebendigkeit hinter einer Fassade pittoresker Harmonie. Im Kontrast dazu ist der urbane Raum als zwiespältige Projektionsfläche von Freiheitsdrang, kultureller Vielfalt und Autarkie von Anfang an als idealisiertes Wunschbild definiert. Das Familiengefüge erscheint als facettenreicher, doch letztlich einheitlicher Organismus, den eine autarke Handlung zerreißen würde. Während Amal emotional schwankt, scheint inszenatorisch die Entscheidung für die bessere der beiden Optionen von Anfang an gefallen. 

Fazit

In der physischen und emotionalen Nähe zu ihrem Ensemble-Cast, der in dem doku-dramatischen Gefüge sich selbst darstellt, liegt die entscheidende Stärke Ashgan El-Hamus’ intimer Hybrid-Doku. Deren Fokus auf die Gefühlswelt der Hauptfigur, die zwischen zwei aus ihrer Sicht gleichermaßen verlockenden, doch grundverschiedenen Wegen entscheiden muss, soll die konventionellen Darstellungen der Antithetik überwinden. Doch die gerade persönliche Vertrautheit versperrt einen objektiven Blick auf den soziologischen und psychologischen Kontext Amals Unentschlossenheit. Zugleich mindern die materiellen Privilegien Dramatik und Dringlichkeit des Konflikts. 

Autor: Lida Bach
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