5.0

MB-Kritik

Allegro Pastell 2026

5.0

Sylvaine Faligant
Jannis Niewöhner
Vera Flück
Luna Wedler
Wolfram Koch
Haley Louise Jones
Martina Gedeck
Nico Ehrenteit
Steven Preisner
Riccardo Campione
Fabian Baumgarten
Jakob Schreier
Manuel Zschunke
Claudia Kozma
Davide Jakubowski

Inhalt

Die Geschichte einer nahezu makellosen, aber letztlich scheiternden Fernbeziehung. Im Zentrum steht die persönliche Wahrnehmung zweier verwöhnter Freiberufler, denen es meistens gut ergangen ist und die scheinbar alles unter Kontrolle haben: Tanja, 33 und in Marseille geboren, lebt als aufstrebende Schriftstellerin in Berlin, nahe der Hasenheide. Jerome, 35 und ein gefragter Webdesigner, ist in sein hessisches Heimatdorf Maintal bei Frankfurt am Main zurückgekehrt – in den Bungalow, den seine Eltern zurückgelassen haben. Das Paar besucht sich gegenseitig mit den Schnellzügen der Deutschen Bahn und bleibt über Text- und Fotonachrichten stets miteinander verbunden.

Kritik

“Die Geschichte einer nahezu makellosen, aber letztlich scheiternden Fernbeziehung”, so beschreibt die Synopsis der Berlinale, wo Anna Rollers (Dead Girls Dancing) zweiter Spielfilm in der Sektion Panorama Premiere feiert, dessen Handlung. Zu jener ist damit im Grunde alles gesagt. Wenn jetzt jemand zähneknirschend denkt: “Dann kann ich mir das Geld für die Kinokarte ja sparen!” Ehrlich gesagt: Ja, irgendwie schon. Es sei denn, man gehört zu jenen “verwöhnten Freiberuflern” Menschen, die mit Blick auf die Hasenheide in Berlin wohnen, oder in einem Bungalow im Maintal, und eine nahezu makellose Beziehung führt. 

In diesem Fall bietet die Adaption Leif Randts gleichnamigen Erfolgsromans wohl enormes Identifikationspotenzial. Von selbigem hat die redundante Romanze, die sich durch das Jahr 2018 schleppt und genauso lange anfühlt, indes wenig für alle, die nicht so privilegiert sind wie Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) und Jerome Daimler (Jannis Niewöhner, Die Nibelungen - Kampf der Königreiche). Sie ist Autorin, gerade dreißig geworden und logiert in einem luxussanierten Altbau mit Hasenheide-Blick, er ist fünf Jahre älter, gefragter Webdesigner und wohnt im villenartigen elterlichen Bungalow. Beider Wohnsituation wird in jeder Inhaltsangabe von Buch und Film prominent erwähnt.

Auch auf der Leinwand wird sie nachdrücklich etabliert. Zwar spielt die Distanz eine wichtige Rolle - Stichwort: Fernbeziehung - doch Roller behandelt sie wie ein essenzielles Persönlichkeitsattribut. Dies ist symptomatisch für eine Erzählung, deren fade Figuren über ihren Besitz definiert werden. Entsprechend oberflächlich bleiben die Charakterisierungen, obwohl das Paar, zu dem Jerome und Tanja ohne jederomantische Chemie werden, und dessen Umfeld sehr viel besitzen. Sie sei nicht in Armut geboren, umschreibt es eine ihrer Bekannten. Tanja und Jerome befreit der teils elterlich gegebene, teils selbst erwirtschaftete Wohlstand von jeglichen Problemen. 

So müssen sie sich selbst welche schaffen, doch selbst die sind lediglich Vorwände für als Off-Erzählung ausgebreitete Larmoyanz. Dabei ist Roller weit davon entfernt, diese privilegierte Egozentrik zu kritisieren, oder zu untersuchen, wie Status und Finanzmacht sich reproduzieren. Die Perspektive ist streng meritokratisch, basierend auf der Vorstellung, das schon freiberufliches (im filmischen Kosmos somit sporadisches) Tippen in die Tasten genüge, um reale Luxusurlaube und mentale MDMA Trips nebenbei zu finanzieren. Klingt dekadent, aber ist in der zwischen Katalog-Interieurs, Edel-Kneipen und Kulissenspaziergängen pendelnden Handlung nur dröges Spießertum.

Fazit

Wenn man sämtliche aberwitzigen Klischees über mittelalte Mitte- und Maintal-Millenials zusammenwirft, wäre dies im Vergleich zu dem lebensfernen Szenario Anna Rollers banaler Beziehungsstory noch knallharter Realismus. Selbst ohne ihre kuriosen Namen sind die Hauptfiguren ebenso weit entfernt von Glaubhaftigkeit wie von unterhaltsamer Fiktion. Innenräume gleichen synthetischen Attrappen. Berlin wird zum artifiziellen Abstraktum; die kommerzielle Fassade einer Stadt. Handwerklich ist die Inszenierung geleitete von kompetentem Konventionalismus, passend zum Plot. Die Darstellenden plagen sich indes mit den seichten Figuren, die nach greller Satire rufen. Stattdessen: Prätention in Pastell. 

Autor: Lida Bach
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