Inhalt
Ein vom Leben gezeichneter Einzelgänger, der nacheinem Leben voller Verbrechen und Mord mit seiner Vergangenheit ringt, wird schwer verletzt von einer mysteriösen Frau gefunden, die ihm eine Chance auf Erlösung bietet. Es sind die letzten Tage des gesetzlosen Robin Hood.
Kritik
Robin Hood gehört zu den bekanntesten Figuren der europäischen Folklore. Über Jahrzehnte hinweg wurde der legendäre Bogenschütze im Kino meist als edler Rebell inszeniert, der sich gegen Unterdrückung auflehnt und für Gerechtigkeit kämpft. Michael Sarnoskis The Death Of Robin Hood interessiert sich jedoch kaum für diese vertraute Version der Figur. Stattdessen richtet der Regisseur seinen Blick auf einen alternden Mann, dessen Vergangenheit von Gewalt geprägt wurde und der mit den Folgen seines Handelns leben muss.
Dabei macht der Film bereits in seinen ersten Minuten deutlich, dass hier keine klassische Abenteuergeschichte erzählt wird. Wer eine weitere Heldensaga erwartet, dürfte überrascht sein. Sarnoski nähert sich dem Stoff deutlich düsterer und orientiert sich stärker an älteren Überlieferungen, in denen Robin Hood weniger Volksheld als gefürchteter Gesetzloser war.
Robin Hood als brutaler Outlaw statt Volksheld
Gerade diese Herangehensweise macht den Film zunächst so reizvoll. Der Robin Hood, den Hugh Jackman verkörpert, ist keine charismatische Symbolfigur für soziale Gerechtigkeit. Er wirkt vielmehr wie ein Mann, der sein Leben lang Gewalt ausgeübt hat und deren Spuren nun mit sich herumträgt. Sympathisch ist diese Figur dabei selten. Dennoch entwickelt sie eine bemerkenswerte Faszination, weil sie sich konsequent von den bekannten Darstellungen abgrenzt.
Besonders die erste Filmhälfte profitiert von diesem Ansatz. Die Welt von The Death Of Robin Hood ist rau, schmutzig und gefährlich. Gewalt wird nicht als spektakuläre Unterhaltung präsentiert, sondern als etwas Unmittelbares und Verstörendes. Wenn Menschen verletzt werden, hat das Gewicht. Die Konsequenzen sind sichtbar und oft nur schwer zu ertragen.
Sarnoski beweist dabei ein bemerkenswertes Gespür für Wirkung. Einige Szenen erzeugen ein Maß an Unbehagen, das man im modernen Mainstream-Kino nur selten erlebt. Gerade weil der Film nicht auf überzogene Exzesse setzt, sondern auf eine unangenehm greifbare Körperlichkeit, entfalten diese Momente ihre ganze Kraft. Mehrfach entsteht eine Spannung, die beinahe ins Horrorfach hineinragt.
Hugh Jackman trägt die ungewöhnliche Neuinterpretation
Dass dieser Ansatz funktioniert, liegt vor allem an Jackman. Der Australier hat längst bewiesen, wie vielseitig er sein kann, doch auch hier überzeugt er auf ganzer Linie. Sein Robin Hood ist erschöpft, verbittert und sichtbar vom Leben gezeichnet. Gleichzeitig vermeidet Jackman es, die Figur zu einer bloßen Ansammlung von Schuldgefühlen werden zu lassen.
Stattdessen verleiht er ihr eine stille Würde, die den Zuschauer trotz aller moralischen Fragwürdigkeiten bei der Stange hält. Man versteht, warum andere Menschen Geschichten über diesen Mann erzählen, selbst wenn diese Legenden mit der Realität nur noch wenig gemein haben.
Überhaupt lebt der Film stark von seiner zentralen Figur. Sarnoski interessiert sich weniger für äußere Konflikte als für die Frage, was von einem Mythos übrig bleibt, wenn Ruhm und Abenteuer längst vergangen sind. Dadurch entsteht eine melancholische Grundstimmung, die sich durch nahezu jede Szene zieht.
Starke Atmosphäre, aber ein spürbarer Spannungsverlust
Auch handwerklich gibt es viel zu loben. Die auf 35-Millimeter-Film gedrehten Bilder besitzen eine beeindruckende Textur. Wälder, Nebelfelder und abgelegene Schauplätze wirken greifbar und verleihen dem Film eine besondere Eigenständigkeit. Immer wieder gelingen Sarnoski Einstellungen von großer Schönheit, ohne dass diese jemals künstlich oder selbstverliebt erscheinen.
Gleichzeitig offenbart sich hier aber auch die größte Schwäche des Films. Nach dem kraftvollen Auftakt verändert sich der Rhythmus deutlich. Die Handlung wird ruhiger und konzentriert sich zunehmend auf innere Prozesse. Das ergibt thematisch durchaus Sinn, kostet die Geschichte jedoch einen Teil ihrer Energie.
Während die erste Stunde von starken Bildern, bedrohlicher Atmosphäre und einer permanenten Anspannung lebt, beginnt die Erzählung später gelegentlich auf der Stelle zu treten. Manche Nebenfiguren bleiben überraschend blass, obwohl ihnen eine größere Bedeutung zugedacht scheint. Zudem werden einige Ideen zwar angedeutet, aber nicht konsequent weiterentwickelt. Das führt dazu, dass die zweite Hälfte nicht mehr dieselbe Wucht entfaltet wie der furiose Beginn. Der Film bleibt zwar jederzeit sehenswert, erreicht jedoch nicht durchgehend die Intensität, die er anfangs so eindrucksvoll etabliert.
Dennoch gelingt Sarnoski eine bemerkenswert eigenständige Interpretation des Stoffes. Statt auf Nostalgie oder bekannte Abenteuer-Muster zu setzen, betrachtet er Robin Hood als gebrochene Figur und erzählt eine nachdenkliche Geschichte über Vergänglichkeit, Schuld und die Last eines langen Lebens.
Nicht jede kreative Entscheidung geht vollständig auf, und die Dramaturgie verliert im Verlauf etwas an Zugkraft. Doch Hugh Jackmans starke Darstellung, die eindrucksvolle Bildgestaltung und die kompromisslose Neuausrichtung der Legende machen The Death Of Robin Hood zu einem sehenswerten Beitrag im langen Schatten eines der berühmtesten Mythen der Popkultur.
Fazit
Mit "The Death Of Robin Hood" liefert "Pig"-Regisseur Michael Sarnoski eine ungewöhnliche Neuinterpretation der Legende. Die erste Hälfte beeindruckt mit kompromissloser Härte, starker Atmosphäre und den auf 35 Millimeter gedrehten Bildern, die dem Film eine besondere Rauheit verleihen. Zwar verliert die Erzählung später an Wucht, doch Hugh Jackmans intensive Darstellung und die konsequente Inszenierung machen diesen düsteren Blick auf den Mythos dennoch sehenswert. Kein Abenteuer, sondern ein Abgesang auf eine Legende.
Autor: Sebastian Groß