3.6

MB-Kritik

Animals 2026

Action, Drama, Crime, Thriller – United States

3.6

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Ben Affleck
Kerry Washington
Steven Yeun
Gillian Anderson
Adriana Paz
Luis Gerardo Méndez
Ray Fisher
Matt Gerald
Mark Kassen
Christopher Woodley
George Todd McLachlan
Chris Gann
Taylor Cooper
Lacey Katena
Anthea Phitides
Aleksandar Popovic

Inhalt

In ihrer Verzweiflung, das Lösegeld für ihren Sohn zu bezahlen, greifen ein Bürgermeisterkandidat und seine Frau zu extremen Maßnahmen und bringen dabei dunkle Geheimnisse ans Licht, die nie hätten enthüllt werden sollen.

Kritik

Mit Animals greift Ben Affleck auf eine Thriller-Prämisse zurück, die bereits vor Jahrzehnten Filmgeschichte geschrieben hat. Der Netflix-Film erinnert deutlich an Akira Kurosawas Klassiker Zwischen Himmel und Hölle (1963), in dem eine Entführung zur moralischen Zerreißprobe wird. Auch Afflecks Version stellt eine unangenehme Frage: Wie viel ist ein Menschenleben wert, wenn dafür das eigene Geld, die gesellschaftliche Stellung und die Zukunft der Familie auf dem Spiel stehen?

Aus dieser Prämisse entwickelte Kurosawa ein vielschichtiges Drama. Affleck übernimmt mit Animals eine ähnlich reizvolle Grundidee, findet jedoch keinen überzeugenden eigenen Zugang. Als Politiker Milo muss er gemeinsam mit seiner Frau Abigail (Kerry Washington) um das Leben seines entführten Sohnes bangen. Doch die Entführer haben das falsche Kind erwischt: Ihr Opfer ist der Sohn ihrer Haushälterin. Plötzlich steht Milo vor der Frage, wie viel er zu opfern bereit ist, um das Leben eines fremden Kindes zu retten, ohne seine politischen Ambitionen zu gefährden. Statt daraus ein packendes moralisches Dilemma zu entwickeln, verliert sich der Film jedoch in endlosen Gesprächen, platten Konflikten und Figuren, deren Entscheidungen weit weniger interessant sind, als er uns glauben machen möchte.

Netflix-Standard: Viele Erklärungen, kaum Spannung

Als Regisseur hat Affleck längst bewiesen, dass er sein Handwerk versteht. Filme wie Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel (2007) und The Town - Stadt ohne Gnade (2010) zeugen von seinem Gespür für Figuren, Spannung und klassische Thrillerdramaturgie. Umso ernüchternder ist, wie wenig davon in Animals zu spüren ist. Der Film besitzt eine interessante Ausgangslage, verliert sich aber in einer Umsetzung, die ihre eigenen Möglichkeiten konsequent ausbremst. Was als moralisch brisanter Wettlauf gegen die Zeit beginnen könnte, entwickelt sich zu einem erstaunlich trägen Kammerspiel, das seine Konflikte lieber durchverbalisiert, als sie filmisch erfahrbar zu machen. Halt typisch Netflix: Alles toterklären, bis der nächste Titel automatisch abgespielt wird.

Das größte Problem sind wahrscheinlich die Dialoge. Statt Situationen für sich sprechen zu lassen, erklären die Figuren unablässig, was sie denken, fühlen und voneinander halten. Selbst dort, wo ein Blick, eine Geste oder ein Moment des Schweigens mehr aussagen könnte als ein ganzer Absatz, wird weitergeredet. Dabei entsteht nicht etwa zusätzliche psychologische Tiefe, sondern der Eindruck, dass der Film seinem Publikum schlicht nicht zutraut, Zusammenhänge selbst zu erkennen. Die Gespräche wiederholen bekannte Informationen, unterstreichen bereits offenkundige Konflikte und nehmen jeder aufkommenden Spannung den Wind aus den Segeln. Dass die Entführung für die Beteiligten eine Extremsituation darstellt, ist schließlich auch ohne permanente verbale Nachhilfe verständlich.

Visuell gibt es wenig auszusetzen, aber auch erschreckend wenig zu loben. Kameramann Robert Elswit, der unter anderem für There Will Be Blood (2007) verantwortlich war, fängt das Geschehen in ansprechenden Bildern ein. Doch selbst die professionelle Inszenierung kann kaum kaschieren, wie wenig sich hinter der Fassade tut. Milo und Abigail geraten angesichts der Entführung verständlicherweise aneinander. Ihre Streitgespräche kreisen jedoch so ausgiebig um ihre Beziehung und persönliche Befindlichkeiten, dass die eigentliche Geschichte regelmäßig zum Stillstand kommt. Kaum deutet sich eine Zuspitzung an, folgt das nächste Gespräch. Die Figuren diskutieren, erklären und rechtfertigen sich, während die Spannung, die aus ihrer Situation entstehen müsste, auf der Strecke bleibt.

"Animals" hat gute Ansätze, traut sich aber nicht, sie konsequent weiterzudenken

Interessant könnte Animals werden, wenn der Film Milos politische Ambitionen mit seiner familiären Situation verknüpft. Als Politiker, der nach höheren Ämtern strebt, muss er sich nicht nur mit der Entführung auseinandersetzen, sondern auch mit der Frage, welches Bild er in der Öffentlichkeit abgeben möchte. Seine Ehe mit einer Frau anderer Hautfarbe und sein schwarzer Sohn könnten in einem zunehmend populistischen politischen Klima zum Thema werden. Was eigentlich vollkommen privat sein sollte, droht damit zum Risiko für seine Karriere zu werden. Hier läge die Chance, persönliche Moral, gesellschaftliche Vorurteile und politischen Opportunismus zu einem Konflikt zu verbinden, der über die unmittelbare Entführung hinausweist.

Gemeinsam mit den Co-Autoren Connor O. McIntyre und Billy Ray versucht Affleck, diese Aspekte in die Geschichte einzubinden. Doch der Film kratzt lediglich an den Themen, die er aufgreift. Die gesellschaftlichen Spannungen werden benannt, ohne dass daraus eine überzeugende Dramaturgie entsteht. Milos politische Überzeugungen und seine persönlichen Interessen geraten nicht in einen Konflikt, der seine Figur wirklich auf die Probe stellt. Stattdessen werden mögliche Konsequenzen angesprochen, kurz diskutiert und anschließend wieder beiseitegeschoben. So bleibt die politische Ebene ein Versprechen, das Animals nicht einlöst.

Gerade im Vergleich zu Kurosawas Vorlage fällt auf, wie wenig der Film aus seinem moralischen Ausgangspunkt macht. Wo Zwischen Himmel und Hölle die Entscheidung seiner Hauptfigur mit gesellschaftlichen Hierarchien und menschlicher Würde verknüpfte, begnügt sich Affleck mit einer Ansammlung interessanter Ansätze, denen es an Konsequenz und gedanklicher Schärfe mangelt. Aber mit Steve Yeun und Gillian Anderson bietet Animals zumindest zwei unterhaltsame Figuren. Nicht, weil sie besonders pfiffig geschrieben wären, sondern weil die beiden Darsteller*innen so agieren, als befänden sie sich in einem völlig anderen Film – einem Film, der den Thriller-Aspekt deutlich stärker ausspielt, als Affleck es tut. Immerhin: Auch Spike Lee hat es mit Highest 2 Lowest nicht geschafft dem Original die Hand zu reichen. 

Dabei braucht Animals nicht einmal große Actionsequenzen, um zu funktionieren. Ein Thriller, der sich auf Verhandlungen, Entscheidungen und moralische Dilemmata konzentriert, kann durchaus fesselnd sein. Dafür braucht es allerdings präzise Dialoge, nachvollziehbare Figuren und eine Dramaturgie, in der jede Entscheidung den Druck erhöht. Nichts davon gelingt hier überzeugend und dies sorgt dafür, dass Animals leider keine ertragreiche Angelegenheit ist. Oscar-Preisträger Affleck kann Geschichten erzählen, doch hier wirkt seine Inszenierung erstaunlich einfallslos, während das Drehbuch die eigenen Ambitionen mit ermüdenden Dialogen und seicht abgehandelten Themen erstickt. Für einen Thriller, der eine derart brisante Entscheidung ins Zentrum stellt, ist das schlicht zu wenig. Mehr noch: Es ist eine arg bittere Enttäuschung und ein weiterer Beweis dafür, dass Netflix Content aber keine Filme macht.

Fazit

Was für Kurosawa gut genug war, sollte auch für Affleck reichen. Blöd nur, dass "Animals" aus seiner reizvollen Grundidee und dem moralischen Dilemma nicht mehr herausholt als ein unbeholfenes, darstellerisch unausgewogenes Thrillerdrama, dessen Fragen nach persönlicher und gesellschaftlicher Moral schneller verpuffen, als Netflix den nächsten vergessenswerten Film startet.

Autor: Sebastian Groß