Inhalt
Eine Gruppe von Polizisten aus Miami entdeckt ein Versteck mit Bargeld in Millionenhöhe, was zu Misstrauen führt, als Außenstehende von der riesigen Beschlagnahmung erfahren und sie sich fragen, wem sie vertrauen können.
Kritik
Neues Jahr, neues Glück und vielleicht schafft es Netflix diesmal, wenigstens eine Handvoll ihrer Exklusiv-Titel nicht als völlige Zeitverschwendung bloßzustellen. Auf dem Papier klingt das hier schon mal gar nicht so schlecht: die cineastische Bromance for Life, Matt Damon & Ben Affleck macht hier (allein vor der Kamera) das ganze Dutzend ihrer gemeinsamen Auftritte voll und wenn man da nicht von gemeinsamer Chemie sprechen kann, dann wohl außer bei Hill & Spencer oder Lemmon & Matthau von niemanden. Etwas skeptischer durfte man berechtigterweise bei der Wahl des Regisseurs sein, denn Joe Carnahan hat sich nach dem starken Independent-Cop-Thriller Narc (2002) öfter mehr schlecht als recht aus der Affäre gezogen, obgleich auch nicht alles komplett daneben war. Mal leicht über, mal leicht unter dem Schnitt, insgesamt eben klassisches Mittelmaß. Aber wie diese schwankende Tendenz auch aufzeigt, gelegentlich wird es mal etwas besser als total egal und das gelingt The Rip definitiv. Wobei man ihm attestieren muss, dass er im Streaming schon recht gut aufgehoben ist. Da erfüllt er das geforderte Berieselungs-Profil zugegeben problemlos, für eine ambitionierte Kinoauswertung hätte das so wohl nicht ausgereicht.
Dazu ist das hier doch noch sehr viel Malen nach Zahlen, inklusive der inzwischen schon längst nicht mehr geheimen Second-Screen-Formel von Netflix. Damit man ohne Anstrengung nebenbei am Handy hängen, den Haushalt schmeißen oder für den Toilettengang nicht zwingend die Pausetaste drücken muss (leider ohne Ironie, selbst das scheint inzwischen schon zu viel verlangt), wird die tendenziell immer leicht abgelenkte Zuschauerschaft regelmäßig auf dem aktuellen Stand gehalten, indem wichtige Informationen im Minutentakt wiederholt werden. Zugegeben, das macht der Film etwas geschickter – oder sagen wir mal „weniger plump“ – als einige vergleichbare Produktionen, auffällig ist es trotzdem, wie wenig er dem Publikum auf narrativer Ebene vertraut. Da wir das aber schon wesentlich penetranter und schlimmer gewohnt sind, muss es gar nicht mal zwingend negativ ins Gewicht fallen. Der sehr generische und Carnahan-typisch leicht prollig anmutenden Auftakt („Sie war meine Freundin. Und meine Bitch!“ *eine der Polizistin über ihre getötete Kollegin*) - bei dem ein unter Verdacht stehender Cop (Ben Affleck) auch wie ganz selbstverständlich von seinem eigenen Bruder (Scott Adkins, wie auch immer der sich da reingemogelt hat, gibt gar nichts zum Verprügeln für ihn) verhört wird, was in einer realistischen Welt wegen Befangenheit so ganz sicher niemals stattfinden würde – funktioniert der Plot dann im Mittelpart sogar erstaunlich gut.
Ab dem Punkt, wenn sich eine fünfköpfige Cop-Truppe (und ein Hund) nach einem anonymen Hinweis ein Geldversteck des Drogenkartells aushebt und statt der erwarteten, 5- bis niedrig 6stelligen Geldsumme plötzlich mehr als 20 Millionen $ vorfindet, bekommt der Film eine schön dichte, angespanntes Grunddynamik. In Anbetracht der Leichtigkeit, wie sich hier einer, mehrere oder sogar alle ohne Probleme mit dem unbekannten Überschuss aus dem Staub machen könnten und natürlich auch befeuert durch die Tatsache, dass irgendjemand da draußen auch von der Existenz von so verdammt viel Geld wissen muss, entsteht mühelos ein Bedrohungsszenario, das mit einfachen, aber dadurch auch sehr effektiven Mitteln hantiert. Zwischenzeitlich ist das hier wirklich spannend, intensiv und hat reichlich Möglichkeiten, in diverse Richtungen seine Fühler auszustrecken. Das hat sogar Assault on Precinct 13 Vibes, wobei eher zum (ordentlichen) Remake von 2005 als direkt zum Klassiker von John Carpenter, aber auch das ist ja schon mal was.
Hinten raus stolpert man jedoch über seine angestrebte Cleverness, denn so raffiniert wie man gerne sein würde, ist das schlussendlich leider gar nicht. Das ist auch nicht doof und erfüllt in seinem Content-Kosmos vollkommen seinen Zweck, aber es beschleicht einen das Gefühl, dass man wohl gedacht hat, dass da dem TikTok-Publikum vor Erstaunen doch glatt mal kurz das Smartphone in den Abwasch fällt. Könnte sogar passieren, gemessen an einem wirklich smarten Skript ist das aber eher so im Bereich bemühter Teilnehmerurkunde. Die schöne Grundstimmung des Mittelparts fällt dann auch einem gezwungen wirkenden Action-Finale zum Opfer und am Ende ist es doch wieder nur reine Stangenware ohne irgendwas Langlebiges in jedweder Form, aber unter den gegebenen Umstände (und so muss man das wirklich inzwischen bewerten), ist The Rip jetzt schon – und vermutlich auch in zwölf Monaten – eine der besseren Netflix-Produktionen des Jahres, da das ganze gut konsumierbar ist und über grundlegende Qualitäten verfügt, die früher selbstverständlich waren und jetzt beinah schon Luxus-Charakter besitzen.
Fazit
Ein grundsolides B-Movie mit einem A-Star-Duo und dank Netflix-Kohle auch mehr Möglichkeiten als es haben müsste. Nichts für die große Leinwand, fürs reine Streaming aber völlig okay. Hätte sogar Potential für eine waschechte Empfehlung, wenn man die zwischenzeitliche gute Prämisse straight durchgezogen hätte. Wenn Netflix eh schon abonniert ist, sollte man da auch reinschauen. Deswegen ein Abbo abschließen wäre aber zu opportunistisch.
Autor: Jacko Kunze