Inhalt
New York, 1941. Als sein Vater im Grand Central Terminal verschwindet, muss sich ein Junge mit seiner neuen Freundin durch eine Stadt voller Spion:innen schlagen, um ihn zu finden. Dabei decken sie eine Verschwörung auf, die grösser ist, als sie ahnten.
Kritik
„The Nazis, My Father & Me“, heißt Robert H. Liebermans mit autobiographisch inspirierten Details angereicherter Buchvorlage Rémy Schaepmans und Léahn Vivier-Chapas‘ historischen Animations-Abenteuers. Ursprünglich sollte das scheinbar den konkreten Titel des kriminalistischen Kinderbuchs tragen, doch „Nazis“ so prominent als Akteure eines Kinderfilms zu benennen, schien den Produzenten wohl nicht lukrativ. So beginnt die warmherzige Kinofassung bereits mit einer Abschwächung der harschen Themen, die der in ihren Grundzügen klassischen Geschichte von Freundschaft, Zusammenhalt und dem gemeinsamen Überwinden von Gefahren ihren Reiz verleiht.
Die Handlung spielt im New York von 1941, als der Zweite Weltkrieg Scharen geflüchteter Menschen in die USA treibt. Auch der 12-jährige Steven gehört dazu, obwohl er länger mit seinem Vater, einem bahnbrechenden Wissenschaftler, dort lebt. Seinen deutschen Namen hat er abgelegt und möchte das Gleiche am liebsten mit seiner Herkunft tun. Erst recht, als das plötzliche Verschwinden seines Vaters ihm bedrückend die faschistischen Feinde und seine unfreiwillige Affiliation mit ihnen vor Augen ruft. Doch die Vergangenheit verfolgt ihn - buchstäblich.
An der Grand Central Station lässt Stevens Vater ihn auf der Flucht vor mysteriösen Männern mit dem Koffer zurück. Noch bevor er anfangen kann, die verwirrenden Vorgänge zu ergründen, schließt er Freundschaft mit der etwas älteren Miriam, die in einem jüdischen Kinderheim lebt. Ihre Eltern wurden ermordet von den Nazis, deren Spione Schreckliches planen. Mindestens ebenso beängstigend ist für den kindlichen Hauptcharakter der Gedanke, sein Vater könnte zu den Nazis gehören. Die detektivischen Ermittlungen der Kids agieren als dramaturgischer Rahmen gewichtigerer Moralfragen.
Bestimmt das familiäre Erbe die eigene Gesinnung? Was und wo ist Heimat? Und ist das Leben eines geliebten Menschen mehr Wert als das hunderter Fremder? Die Antworten des von Rémy Schaepman mit Marie Eynard und Olivier Legrand verfassten Skripts sind zu simpel und klar, um die ethischen Abgründe und psychische Zerrissenheit glaubhaft zu vermitteln. Genauso oberflächlich bleiben die bitteren Verweise auf zeitaktuelle Krisen: Ein Boot voller jüdischer Flüchtlingskinder, das verzweifelt auf Anlegeerlaubnis wartet, die akademistische Auslesestrategie der US-Immigration und eine Mini-Freiheitsstatue mit Hitler-Kopf.
Fazit
Einige der politischen Anspielungen, mit denen Rémy Schaepman und Léahn Vivier-Chapa die gegenwärtige rechtspopulistische Radikalisierung der USA kritisieren, sind so direkt, dass ein US-Release fraglich scheint. Umso enttäuschender ist der zaghafte Umgang mit den historischen und universellen Konflikten. Trauma und Verlust hinterlassen kaum emotionale Spuren, und ethische Prinzipien über Familienmitglieder zu stellen scheint selbstverständlich. Peter de Sèvens („Blacksad“) expressive Illustrationen versprühen nostalgischen Charme, den die Evokation historischer Narben relativiert. Der dynamische Plot und die vitale Inszenierung schwanken zwischen Konvention und Originalität.
Autor: Lida Bach