3.5

MB-Kritik

Corpus Delicti 2026

Sci-Fi, Drama, Thriller – Germany

3.5

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Hannah Herzsprung
Damian Hardung
Haley Louise Jones
Alexander Fehling
Christian Friedel
Imogen Kogge
Leopold Hornung
Esther Bechtold

Inhalt

In einer nahen Zukunft repräsentiert die „Methode“ eine Gesellschaft, die Gesundheit und maximale Sicherheit für alle verspricht. Das Leben der Wissenschaftlerin Mia Holl (Hannah Herzsprung) ändert sich schlagartig, als ihr Bruder Moritz (Damian Hardung) des Mordes beschuldigt wird. Die Beweise sind erdrückend – und doch ist Mia von seiner Unschuld überzeugt. Ein Widerspruch, der sie zum Handeln zwingt – gegen ein System, das keinen Zweifel zulässt. Doch wem kann sie noch trauen? Ihrer Kollegin Christiane (Haley Louise Jones), dem Anwalt ihres Bruders (Christian Friedel) oder dem charismatischen Journalisten Kramer (Alexander Fehling)? Ihr Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit macht sie selbst zur Gejagten.

Kritik

Aus Deutschland kam mit Metropolis einst einer der großen Meilensteine des Science-Fiction-Kinos. Vielleicht hat das deutsche Kino damit aber auch bereits einen beträchtlichen Teil seines Genre-Mojos verspielt. Zwar gab es über die Jahrzehnte immer wieder ambitionierte Versuche, von Roland Emmerichs Moon 44 bis zu Tim Fehlbaums Tides. Einen nachhaltigen Platz im deutschen Kino konnte Science-Fiction trotzdem nie erobern. Daran dürfte auch Corpus Delicti, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Juli Zeh, kaum etwas ändern. Dabei ist der Versuch allein durchaus begrüßenswert: Endlich wagt sich wieder eine deutsche Produktion an ein dystopisches Zukunftsszenario. Nur nutzt der Film seine futuristische Welt erstaunlich wenig, um tatsächlich Science-Fiction zu erzählen.


"Corpus Delicti": Eine dystopische Zukunft ohne echte Welt


In einer Gesellschaft, in der Gesundheit zum obersten Gebot geworden ist, wird Mia Holls Bruder Moritz des Mordes beschuldigt. Als er stirbt und Mia zunehmend an seiner Schuld zweifelt, gerät auch sie ins Visier eines Systems, das keinen Widerspruch duldet. Aus persönlicher Trauer wird ein Kampf gegen staatliche Kontrolle und die sogenannte Methode.


Das klingt nach einem Stoff, aus dem sich ein packender dystopischer Thriller entwickeln ließe. Tatsächlich liegt in Zehs Roman viel interessantes Material: Überwachung, Selbstoptimierung, staatliche Kontrolle, die Sehnsucht nach Sicherheit und die Frage, wie viel Freiheit eine Gesellschaft für ein vermeintlich gesundes und glückliches Leben opfern darf. Gerade deshalb ist es bedauerlich, wie wenig Corpus Delicti diese Möglichkeiten auf der Leinwand ausschöpft. Der Film erzählt seine Geschichte zwar konsequent, entwickelt daraus aber kaum einen Sog. Die Handlung schreitet voran, ohne wirklich voranzutreiben.


Das liegt auch daran, dass die dystopische Gesellschaft kaum als lebendiger gesellschaftlicher Organismus erfahrbar wird. Die Welt soll kalt, steril und unpersönlich wirken – was grundsätzlich zur Prämisse passt. Doch zwischen einer bewusst entmenschlichten Umgebung und einer schlicht leblosen Inszenierung liegt ein entscheidender Unterschied. Corpus Delicti landet überwiegend bei Letzterem. Einige Locations besitzen durchaus einen interessanten visuellen Reiz, doch aus ihnen entsteht kein glaubwürdiger Zukunftsentwurf. Man sieht Kulissen einer Dystopie, statt das Gefühl zu bekommen, in einer solchen Gesellschaft zu leben.


Deutsche Science-Fiction mit guten Ansätzen, aber ohne Spannung


Noch stärker fällt auf, dass der Film seine Science-Fiction-Elemente vor allem als Verpackung für einen gesellschaftspolitischen Kriminalplot verwendet. Die Zukunft ist weniger ein erzählerischer Raum, der neue Möglichkeiten eröffnet, als eine Projektionsfläche für bekannte Fragen. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Gerade Science-Fiction kann hervorragend funktionieren, wenn sie gesellschaftliche Entwicklungen überspitzt und dadurch sichtbar macht. Nur braucht es dafür eine Inszenierung, die diese Ideen auch in Bilder, Atmosphäre und Handlung übersetzt.


Stattdessen wird vieles ausgesprochen. Und zwar sehr ausführlich. Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehlingund Christian Friedel agieren dabei durchaus solide und versuchen erkennbar, dem Material Gewicht zu verleihen. Allerdings stellt ihnen das Drehbuch immer wieder Dialoge in den Mund, die eher nach programmatischen Statements als nach Gesprächen zwischen Menschen klingen. Die Figuren sprechen häufig, als würden sie die zentrale These der jeweiligen Szene vortragen. Das sorgt für eine angestrengte Ernsthaftigkeit, die gelegentlich sogar unfreiwillig komisch wirkt – vorausgesetzt, man lässt diese Möglichkeit überhaupt zu.


Damit wird ausgerechnet dasjenige zum Problem, was vermutlich die größte Stärke der Vorlage sein dürfte: ihre literarische Ebene. Zehs Roman kann Gedanken entwickeln, Argumente gegenüberstellen und innere Konflikte ausführlicher ausleuchten. Literatur besitzt dafür schlicht andere Möglichkeiten als Kino. Auf der Leinwand müssen solche Ideen durch Figuren, Handlung, Bilder und Atmosphäre funktionieren. Corpus Delicti scheint sich dagegen immer wieder darauf zu verlassen, dass die Bedeutung seiner Aussagen bereits ausreicht.


Die Romanverfilmung bleibt erstaunlich blass


Wirklich spannend wird Corpus Delicti von Regisseurin und Drehbuchautorin Lena Stahl nur selten. Der Kriminalfall liefert zwar einen klaren roten Faden, doch daraus entsteht kaum Nervenkitzel. Zu oft verharren die Figuren in bedeutungsschweren Blicken oder erklären, was die Szene eigentlich längst zeigen müsste. Dadurch wirkt der Film stellenweise weniger wie ein Thriller als wie ein bebildertes Streitgespräch über Freiheit und Kontrolle.


Dabei sind die Themen keineswegs angestaubt. Gesundheit als gesellschaftliche Pflicht, Überwachung und der Drang zur Selbstoptimierung bieten reichlich Stoff für eine zeitgemäße Dystopie. Nur fehlt der Inszenierung das Gespür dafür, diese Gedanken in packende Bilder oder glaubwürdige Figuren zu übersetzen. Vieles wird behauptet, wenig wird erfahrbar.


Der Roman von Juli Zeh dürfte deshalb die lohnendere Begegnung mit diesem Stoff sein. Literatur kann Gedankenräume öffnen, Widersprüche ausformulieren und gesellschaftliche Systeme über Sprache erfahrbar machen. Der Film muss dafür andere Mittel finden – und tut sich damit sichtbar schwer. Was als literarisches Gedankenspiel funktionieren mag, wirkt auf der Leinwand häufig wie ein sehr ernst vorgetragenes Referat mit toter Science-Fiction-Kulisse. Dass eine deutsche Produktion sich überhaupt an dystopische Science-Fiction wagt, ist trotzdem erfreulich.

Fazit

Deutsche Science-Fiction darf gern wieder häufiger ins Kino kommen. Nur sollte sie dabei nicht vergessen, dass Dystopien mehr brauchen als kalte Architektur und bedeutungsschwere Dialoge. Hier wird eine eigentlich spannende Geschichte vor allem eines: erstaunlich trocken und ermüdend erzählt.

Autor: Sebastian Groß
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