Jetzt kommt es endlich ans Licht, sagt mit fast erleichterter Stimme eine Protagonistin Marina Klausers historischer Dokumentar-Serie. Diese rekonstruiert in vier Episoden einen der berüchtigtsten Fälle der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte. Die zitierten Worte eines der ehemaligen Mitglieder der Schweizer Glaubensgemeinschaft Methernitha scheinen sowohl die Verbrechen der Vergangenheit zu meinen, als auch deren überfällige Konfrontation in der Gegenwart. Methernithas spirituelles und weltliches Oberhaupt Paul Baumann, mit unangenehm zweideutigem Unterton seinerzeit „Vatti“ genannt, nutzte seine Macht gezielt zur Ausbeutung seiner Anhänger*innen. Deren eine erinnert sich: Er hat sich so in das Vertrauen der Menschen geschlichen, dass es ein Verbrechen war. Ein Verbrechen, und nicht das Schlimmste, das Baumann im Schutz seiner Gemeinde beging.
Die Zeitzeuginnen, die vor Klausers Kamera nun zu Wort kommen, gehören zu den zu „Engeln“ stilisierten Mädchen, die in dem hermetischen System religiösen Fanatismus und emotionaler Abhängigkeit Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Selma, Beatrice, Ruth, Käthi: Die Namen sind Alias zum Schutz vor einer Gemeinde, deren Einfluss überdauert und selbst bei der Rezeption der Mini-Serie bemerkbar wird. Mehrere Betroffene und ihre Familienmitglieder nennen Methernitha „Sekte“. Rezensionen dürften das nicht, wird in seitens der Produktion suggeriert, und ebenso, dass die Texte zur Durchsicht vorgelegt werden müssten. „Aus rechtlichen Gründen“, heißt es in den Richtlinien der Produktionsfirma: „da die Serie von einem sensiblen Thema - Missbrauch - handelt“. Man fragt sich, wessen Empfinden hier berücksichtigt werden soll. Wohl nicht das der Opfer.
Da solches Vorgehen natürlich um der Transparenz willen in einer Besprechung erwähnt werden muss, kommt die kuriose Antwort: „Wir verbieten das nicht (…) Es ist lediglich unsere Empfehlung.“ Es sei ja alles ganz fürsorglich gemeint, man wolle die Medien vor rechtlichen Konsequenzen schützen. Solche Vorgehensweisen werfen unwillkürlich ein schlechtes Licht auf die Produktion.
Zumal andere Medien wie Dok.Fest München und die Neue Zürcher Zeitung längst dahingehende Worte gewählt haben. Die als klassisches Exposé von Talking Heads Interviews und Archivmaterial konzipierte Dokumentation hingegen überlässt alle kritischen Worte den betroffenen Frauen. Sie berichten, wie esoterische Erlösungs-Versprechen innerhalb der ökonomisch und logistisch unabhängigen Parallelgesellschaft als Kontrollinstrument dienten, um die Mädchen von Freunden und Familien zu trennen. Eine in Schwarz und Blutrot getauchte Farbpalette, Frakturschrift und bedrohliche Aufnahmen von finsterem Wald und rustikalen Hütten erwecken Schauermärchen-Stimmung. Die Kaleidoskop-Verzerrung Baumanns Gesichts suggeriert unscharfe Erinnerungen. Ein Mistkäfer als sein Pendant, das in creepy Puppenhäusern krabbelt, evoziert kafkaeske Horror-Tropes. Zeitgenössische Archivaufnahmen und nachgestellte Szenen stehe im Dienste dieses generischen Dekorums.
Dessen ambivalente Implikationen untergraben die Aussagen, die 1976 Baumanns Verurteilung erkämpften. Doch das milde Urteil brach weder seine Macht, noch die Methernithas, die ihm augenscheinlich den Schutzraum bot, seine Taten fortzusetzen. Wiederholt klingt die einschüchternde Macht der Gruppe in den Zeuginnen-Aussagen an. Doch Klauser widmet sich nie genauer dem System, dessen Symptom Paul Baumann ist: Eine christliche Institution, aufgebaut auf einem patriarchalischen Regelwerk, das Gehorsam und bedingungslosen Glauben idealisiert, Skepsis stigmatisiert, körperliche Autarkie unterdrückt, und unantastbare Autoritätsfiguren aufstellt. Ein transparenter Blick auf das gesellschaftliche Gesamtbild, auf ideologische und kollektive Muster fehlt. Es ist eine weitere elementare Leerstelle der Doku-Serie. Dramatisierte Szenen zeigen immer wieder die gleichen Einstellungen Baumanns hageren Gesichts und verunsichert schauender junger Mädchen.
Sie liegen in hellen Gewändern und mit offenem Haar aneinander gelehnt auf dem Boden und in einer gestellten Szene halb nackt auf dem Bett. Dieses ausgestellte Ästhetisieren mädchenhafter Jugendlichkeit ist grundsätzlich zwiespältig, umso mehr vor dem thematischen Hintergrund. Das gilt auf für die (Schauspiel-)Szenen einer verführerisch nackt im Wald tänzelnden jungen Frau. Solche voyeuristischen Stereotype im Kontext sexueller Gewalt verraten ein kommerzielles Kalkül, dass der Seriosität der dringlichen Aufarbeitung schadet. Obzwar formal und strukturell gefangen in Konformismus, entfaltet die Doku-Serie eine beklemmende Kraft durch die entschlossenen Aussagen der Frauen. Ihre bewundernswerte Sachlichkeit besteht gegen die True-Crime-Klischees von bizarren Episoden-Titel („Vatti and his Angels“) bis zu überdramatisierendem Soundtrack.