Inhalt
Ein 15-jähriger Yuruk-Junge aus einem abgelegenen mazedonischen Dorf flüchtet sich in die Musik, inmitten elterlicher Erwartungen, gesellschaftlichem Konservatismus und verbotener Liebe zu einem verlobten Mädchen.
Kritik
Eine nächtliche Wiese im ländlichen Mazedonien verwandelt sich in eine Tanzfläche, vom Minarett tönt ein Boot Chime und eine in folkloristische Trachten gekleidete Mädchen-Gruppe führt auf dem Dorffest eine Hip Hop Choreographie auf: Georgi M. Unkovskis empathische Coming-of-Age-Story findet ebenso pointierte wie prägnante Motive für den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, der sich im Dilemma des jungen Titelhelden ausdrückt. Ahmets (Arif Jakup) mühsamer Alltag besteht daraus, seinem verwitweten Vater (Aksel Mehmet) auf der kleinen Schaffarm zu helfen. Doch in Gedanken ist er wie in Trance von den Electro-Beats Alen und Nenad Sinkauz synergetischen Soundtracks.
Dessen Mix aus englischsprachigen Lyrics und Techno-Elementen mit volkstümlichen Instrumentalklängen akzentuiert und kontrastiert die Konflikte der äußerlich schlichten Story. Von der energetischen Harmonie der Musik, die der 15-jährige Protagonist über Kopfhörer oder mit den Lautsprechern seiner genauso musikbegeisterten Mutter hört, ist seine Lebensrealität weit entfernt. Sein einziger Verbündeter ist sein kleiner Bruder Naim (Agush Agushev), der seit dem Tod ihrer Mutter verstummt ist. Ein Lichtblick ist die aus Deutschland angereiste Aya (Dora Akan Zlatanova), die ihren eigenen Kampf um Selbstbestimmung austrägt. Musik wird für beide zur Flucht vor familiären Zwängen und fundamentalistischer Spaßfeindlichkeit.
Die Handlung folgt klassischen Mustern, doch entfaltete einen einzigartigen Charme dank nuancierter Charaktere, überzeugendem Schauspiel und hintersinnigem Humor. Der ironischen Inszenierung gelingt ein feinsinniges Spiel mit magischem Realismus, der sich wiederholt andeutet, jedoch als stets als skurrile oder subjektiv verzerrte Realität entpuppt. Musik holt die Figuren für ein paar flüchtige Momente in eine andere Welt, in Individualität und Kreativität willkommen sind. Als Synonym für Emotionen, die in den rigiden patriarchalischen Strukturen nicht gewollt sind, werden Beats und Tanz von den Vätern der Hauptfiguren verboten, aber schaffen unter der jungen Generation eine intuitive Verbundenheit.
Fazit
Aus vertrauten Motiven um Generationskonflikte und jugendliche Identitätsfindung komponiert Georgi M. Unkovskis eine mitreißende Story von Selbstbestimmung, familiären Brüchen und gesellschaftlichem Wandel. Simple Stilmittel und beiläufige Anspielungen auf Genrekino eröffnen dem Publikum das innere Erleben des verschlossenen Hauptcharakters. Lebendig verkörpert von Arif Jakup, vollzieht Ahmet einen fundamentalen Wandel im Gegenwind traditionalistischer Erwartungen. Dabei strebt der differenzierte Plot demonstrativ nach einer Integration von alten und neuen Lebensentwürfen und Konzepten; nach Ergänzung statt Auslöschung. Getragen von einem kongenialen Score und naturalistischen Darstellungen, findet das dynamische Jugenddrama auch auf filmischer Ebene die Balance zwischen Etabliertem und Originalität.
Autor: Lida Bach