Inhalt
Kritik
Eis und Schnee werden zum elementaren Gleichnis des kaltblütiger Kriegsführung in Samuele Rossis (La strada verso casa) kargen Historiendramas, das ein kaum beachtetes Kapitel italienischer Geschichte aufschlägt. Sein mit Lorenzo Bagnatori verfasste Spiefilm-Debüt, das nach der Premiere auf der Giornate degli Autori in Venedig im Wettbewerb von Tokyo läuft, folgt den Spuren des norditalienischen Widerstands, dessen Partisanenkampf gegen die Nazis dem Vormarsch der Alliierten den Weg ebnete. Im Winter 1944 überlebt der 20-jährige Held als einziger seiner Brigade, deren Mssion er nun allein umsetzen muss.
Die letzten warmen Strahlen der Wintersonne, die den verträumten Gio (Luca Tanganelli) in der trügerisch ruhigen Eröffnungsszene umfangen, sind zugleich ein symbolischer Hoffnungsschimmer. Jener schwindet unerbittlich mit der Auslöschung seiner Brigade durch die deutschen Besatzer. Während die alliierten Truppen noch in weiter Ferne sind, sucht der desorientierte Protagonist im verschneiten Gebirge nach Zuflucht. Als seine Lette Mitstreiterin Partisanin Cate (Alice Vierin) ihren Verletzungen erliegt, wird der Überlebenskampf im feindlichen Territoriums immer mehr zur psychischen Zerreißprobe.
Hunger und die raue Witterung zehren an Gios letzten Kräften zehren. Faschistische Razzien und Kollaborateure machen keinen Unterschlupf sicher. Jede der verlorenen Gestalten, die ihm in der Einöde begegnen, könnte seinen Tod bedeuten beim langen Warten auf Verstärkung im Frühjahr. Fokussiert auf den ebenso unbarmherzigen wie malerischen Naturschauplatz und den letzten Kriegswinter überträgt die minimalistische Inszenierung den Existenzialismus des Szenarios auf dessen Form und Ästhetik. Luca Tanganellis physische Präsenz und Marco Minghis strenge Kameraführung, die seine Silhouette in der landschaftlichen Weite schrumpfen lässt, treiben die kondensierte Handlung.
Fazit
Während die harschen Naturbedingungen und grausame Kriegstaktik den isolierten Protagonisten Samuele Rossis ambitionierten Debüt-Dramas sukzessive zermürbend, wird Überleben zur einzigen Objektive. Die vereinzelten Ereignisse brechen mit abrupter Brutalität in das nüchterne Geschehen. Als Zustand dauernder körperlicher Erschöpfung verliert der Krieg jeglichen Heroismus. Handkamera-Szenen katalysieren die subjektive Perspektive, die in fiebrige Entschlossenheit driftete. In der Stille der Berge lauern neben feindlichen Truppen Wahn und Resignation, deren psychologisches Potenzial die einförmige Konstellation nur andeutet. Indirekt verweist die Durchhalte-Devise auf das zeitgenössische politische Klima von Demokratie unter faschistischer Belagerung.