Inhalt
Kanna, eine in Kyoto lebende Illustratorin, trifft nach sieben Jahren Trennung ihren alten Freund Haseo wieder. Drei gemeinsame Nächte verändern ihren Lebensweg grundlegend. Regisseurin Yukiko Mishima lotet dabei kreative Grenzen aus.
Kritik
„Was würdest du tun, wenn morgen die Welt untergeht?“ Die Frage stellt der jungen Illustratorin Kanna (Mayu Matsuoka, The Makanai: Cooking for the Maiko House) ihr langjähriger Freund Haseo (Ryo Narita, Romantics Anonymous) in einer Schlüsselszene Yukiko Mishimas (Ichigatsu no Koe ni Yorokobi o Kizame) reaktionärer Romanze. Es soll ein gewichtiger Moment sein in der mäandernden Story, basierend auf Akane Chihayas Roman. Die Regisseurin und Drehbuchautorin las die 3014 erschienen Geschichte der ziellosen Künstlerin in einer offenen Beziehung, die zwischen unverbindlichen Affären immer wieder zurück zu Haseo driftet, 2020. Im Jahr des Lockdowns klang der für Mishima ursprünglich unwirkliche Satz plötzlich bedrohlich real.
Wie sie in einem Interview sagt: „Nach etwas, das wirklich passieren könnte.“ Inzwischen ist es 2026 und andere Sätze haben entschieden mehr Nachhall, insbesondere ihre eigenen. „Ihr Verhalten ist ethisch äußerst empörend.“, sagt sie über ihre Protagonistin, die neben einer unerfüllten Beziehung zu ihrem Mitbewohner Akito (Yuki Inoue) eine Affäre mit dem verheirateten Arzt Shinji (Ayumu Nakajima, Sheep in the Box) hat. Mehrere Männer und allen voran Haseo tadeln Kanna für ihr selbstbestimmtes Sexualleben („fucking around“), das die heuchlerische Handlung als Ursache ihrer kreativen Blockade und emotionalen Leere darstellt.
Nicht „ethisch empörend“ sind hingegen Haseos übergriffiges Verhalten und Slutshaming, das die manipulative Inszenierung als Fürsorge verklärt. Der direkt der Romanvorlage entnommene japanische Originaltitel “Otoko Tomodachi” (eine Bezeichnung für einen platonischen männlichen Freund) unterstreicht diese Idealisierung toxischer Besitzansprüche. Haseo ist unsicher, ob er Kanna will, will aber auch nicht, dass sie jemand anderen hat. Kanna will trotz vager sentimentaler Sehnsucht die Freundschaft nicht gefährden. Eine künstlerische und moralische Perspektive eröffnen ihr erst die titelgebenden sexlosen Nächte, an denen Mishima schon die Zigaretten zu “heiß“ sind.
Fazit
Die titelgebenden Zigaretten Yukiko Mishimas sexistischer Selbstfindungs-Story signalisieren, „dass dies zwei Leute außerhalb der Anstandsnormen sind“. So befindet jedenfalls die Regisseurin. Vor den stimmungsgebenden Kulissen Kyoto, Fukui und Hiroshimas exponiert, sanktioniert und adjustiert sie in drei narrativen Stationen ihre Hauptfigur für deren vermeintlich gefährlich autonomes Sexualleben. Weibliche Selbstbestimmung wird dramaturgisch als Selbstzerstörung abgeurteilt, männliche Reglementierung weiblicher Unabhängigkeit als respektvolle Zuneigung idealisiert. Mayu Matsuokas nuanciertes Schauspiel und Chisato Tanakas ausdrucksvolle Zeichnungen, als emotionale Barometer in den zähen Plot integriert, sind machen ihre Instrumentalisierung umso bedrückender.