Inhalt
Das Leben eines jungen koreanischen Mädchens nimmt eine unerwartete Wendung, als ein französischer Künstler ihr Land besucht und ihren Alltag durcheinanderbringt.
Kritik
So wie die melancholische Aura der Zeichenskizzen eines verschlossenen französischen Besuchers die junge Protagonistin gefangen nehmen, verlocken die schwermütigen Bilder Koya Kamuras symbolistischen Spielfilm-Debüts. Basierend auf Elisa Shua Dusapins erstem Roman gleichen Titels begleitet die formal und dialogisch gleichsam stille Erzählung die Hotelangestellte Soo-Ha (Bella Kim) und den Comic-Künstler Yan Kerrand (Roschdy Zem, Elisa) der nach Inspiration für sein neues Werk sucht, auf ihren langen Touren durch die titelgebende Stadt und in die demilitarisierte Zone.
Letzte ist eines von zahlreichen Sinnbildern der introvertierten Inszenierung, die mehr durch Andeutungen und Analogien verrät als Exposition und Erklärungen. Der winterliche Schauplatz, der in der Nebensaison so einsam und verschlossen wirkt wie die ungleichen Hauptfiguren, wird zum düsteren Hintergrund einer ambivalenten Annäherung. Soo-Ha, die in der Buchvorlage namenlos bleibt, zieht eine widerwillige Faszination zu Yan. Der mehr als doppelt so alte Fremde gibt kaum etwas von sich preis und wird dadurch zur perfekten Projektionsfläche ödipaler Obsession.
Deren Ursache bleibt allerdings vage, wie viele Aspekte - psychologisch, biographisch und romantisch - der emotionalen Episode. Jene horcht abseits dramatischer Ausbrüche auf die feinen zwischenmenschlichen Töne. Soo-Has unbestimmtes Verhältnis zu Yan, der sie unverkennbar an ihren abwesenden französischen Vater erinnert, wird zum Katalysator der unerfüllten Partnerschaft mit dem aspirierenden Model Joon-oh (Gong Do-yu) und der belasteten Beziehung zu ihrer Mutter (Park Mi-hyeon). Die Auflösung von Konflikten ist noch weit entfernt, selbst wenn diese schließlich ausgesprochen werden.
Fazit
Die seltsam spukhafte Kulisse des menschenleeren Touristenorts in der kalten Jahreszeit spiegelt die verdrängte Einsamkeit der Charaktere Koya Kamuras zartbitterer Roman-Adaption. Untermalt von Delphine Malaussénas elegischer Musik finden Élodie Tahtanes subtile Kameraaufnahmen in der kargen Kulisse unerwartete Intimität. Das Air surrealen Stillstands über der verschneiten Titelstadt und demilitarisierten Zone unterstreicht die seelische Starre der Figuren. Ihre familiären Brüche und instabile Selbstsicht bleiben indes schemenhaft in der fragmentierten Figurenstudie, deren nuanciertes Schauspiel und schwelgerische Ästhetik dennoch bestechen.
Autor: Lida Bach