MB-Kritik

Little Sinner 2026

Biography, Documentary

Inhalt

20 Jahre zutiefst persönlicher Aufnahmen, zusammengestellt zu einer unverfälschten und ungefilterten Reise von Damaskus nach Dänemark, die den unerbittlichen Kampf einer syrischen Frau gegen Gewalt, Verrat und ihre eigene Vergangenheit schildert.

Kritik

Auf halber Strecke durch Daro Hansens und Thomas Papapetros dokumentarischer (Auto)Biographie spricht die syrisch-dänische Co-Regisseurin und Hauptfigur von ihrer Bewunderung für die syrischen Geflüchteten, mit denen sie in einem Auffanglager einen Film-Workshop macht. Sie benutzten die Kamera als Mittel der Psychotherapie, ergänzt ihr Off-Kommentar die Bilder nachgestellter Gewalt: “Wir dachten, sie würden einen leichten Film über ihre Hoffnungen und Zukunftspläne machen. Doch sie stellen die schrecklichen Dinge nach, die sie erlebt haben.” Auf ihre Weise tut Hansen das Gleiche. 

Eine Vorsorgeuntersuchung während der Schwangerschaft mit ihrem ersten Kind markiert den Anfangspunkt für eine umfassende Rückblende und die Aufarbeitung eines lange schwelenden Traumas. Verantwortlich dafür sieht sie ihre Mutter, der sie erst im Geiste und gen Ende ihrer von äußeren und inneren Konflikten geprägten Geschichte schließlich persönlich dieselbe Frage stellt: Warum hat ihre Mutter sie verraten? Der Kontext erschließt sich im ersten Kapitel der Jahrzehnte umspannenden Chronik von Flucht, Krieg, Rückkehr, Katharsis und dem Versuch einer Versöhnung. 

Die rohe Rekapitulation illustrieren Jahrzehnte privaten Filmmaterials, teils von ihr selbst mit dem Handy aufgenommen, teils mit der Handkamera gefilmt von dem befreundeten Filmemacher Papapetros. Bei der Premiere im Wettbewerb von CPH:DOX sagt er, er habe lange vor Hansen gewusst, dass aus dem überwiegend in Dänemark, Syrien, dem Libanon, Griechenland und Dänemark gedrehten Material ein Film über sie werde. Glaubhaft ist das nur bedingt angesichts ihrer gezielten Selbstinszenierung, die eine Unterscheidung zwischen authentischem Erleben, Übersteigerung und Autofiktion schwer machen. 

Fazit

Eheliche Gewalt, Migration, Selbstzerstörung, Kriegsbeobachtungen und familiäre Brüche: Trauma folgt auf Trauma in Daro Hansens mit Thomas Papapetros geschaffener Doku-Biographie. Darin wird der Krieg in ihrem Herkunftsland zu Kulisse und Spiegel ihrer privaten familiären Konflikte und das menschliche Leid der Flüchtenden neben ihre eigene Misshandlung in einer missbräuchlichen Ehe gestellt wird. Dieser Vergleich macht die raue Mischung aus Selbstausstellung und Selbsttherapie ebenso ambivalent wie die Aura der Selbstinszenierung. Das Grauen des Krieges und beobachtete Leid wirkt zunehmend wie ein inszenatorischer Katalysator emotionalen Exhibitionismus. 

Autor: Lida Bach
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