MB-Kritik

Coward 2026

Valentin Campagne
Emmanuel Macchia
Jonas Wertz

Inhalt

Pierre, ein junger belgischer Soldat, möchte sich im Ersten Weltkrieg auf dem Schlachtfeld beweisen. Hinter den Frontlinien trifft er auf Francis, der den Auftrag erhält, die Moral der Truppe zu stärken.

Kritik

Der Titel Lukas Dhonts (Close) dritten Spielfilms und zweiten Beitrags zum Wettbewerb von Cannes, das für seine manipulative Mixtur aus plakativen Problemthemen und pseudo-empathischer Exploitation augenscheinlich eine Vorliebe hat, wird zum unfreiwilligen Verweis auf die filmische Feigheit des kalkulierten Kriegs-Kitsch-Kinos. Dessen schmalzige Story drückt sich um das Grauen des Ersten Weltkrieges und Gemetzels an der Front ebenso beflissen wie um die homophobe Unterdrückung in der Handlungsära. Im Belgien des Jahres 1914 verfällt Bauernsohn Pierre (Emmanuel Macchia) dem Charme des Schneidersohnes Francis (Valentin Campagne) zwischen Schauspiel-Einlagen und Schützengraben. 

Ein einleitender Text betont die reale Grundlage der Truppen-Unterhaltung durch Gesang und Travestie-Shows, aufgeführt von vorübergehend ausgemusterten und verwundeten Soldaten. Einer dieser von der restlichen Truppe verachtungsvoll betrachteten Laien-Varieté-Künstler ist Francis. Extrovertiert und exaltiert mit einem Gaydar-Score von 100% ist der Anführer der Schauspieltruppe Gegenpol des schweigsamen Pierre. Zweiter stößt im Bewusstsein des geringschätzigen Rufs der „Aussetzigen“ in der Ruhezeit vor dem ersten Fronteinsatz nur widerwillig zu der Bühnentruppe. Dabei impliziert seine Abneigung gegen sadistische Aktionen und vulgären Scherzen seiner Kameraden seine einfühlsame Seite.

Ausleben kann er diese mit Francis, der ihm bei den Proben den Kopf verdreht. Dass niemand die kaum verhohlenen Flirts und zärtlichen Gesten der jungen Männer bemerkt, ist einer zahlreicher Logikbrüche des konstruierten Plots. Der schwelgt in synthetischer Sinnlichkeit und rührseliger Romantik. Zwar hat das Hauptdarsteller-Gespann keinerlei Chemie, aber dafür eine Physis, die der Regisseur auffällig oft in seinen Werken beäugt. In den intimen Momenten des Protagonisten-Paares expandiert das in schwülstige Softcore-Erotik. Frank van den Eedens gekünstelte Kameraeinstellungen tauchen die makellosen jungen Körper in warmen Kerzenschein und schmeichelndes Rampenlicht. 

Eine selbstzugefügte Verletzung gibt den heimlichen Liebenden, deren improvisierte Aufführungen Begeisterungsstürme wecken, eine kurze Zeit gemeinsamen Glücks. Doch der Kampf für ihre Liebe scheint härter als der hinter feindlichen Linien. Den Schrecken, der dort wartet, reduziert die manierierte Inszenierung auf ein Minimum. Katalysiert vom zwischen Pathos und Melodramatik schwelgenden Soundtrack wird der Krieg zum ästhetisierten Herzschmerz-Drama. Hölzerne Dialoge und wehmütige Blicke fügen sich in die heuchlerische Helden-Mär, die den bedrückend aktuellen historischen Hintergrund genauso kommerziell ausbeutet wie Dhonts vergangene Werke Gender Dysphoria und Suizid. 

Fazit

Dass der Erste Weltkrieg keine romantische Abenteuergeschichte war, sollte über hundert Jahre Später angekommen sein. Allerdings nicht bei Lucas Dhont. Der belgische Regisseur und Co-Drehbuchautor instrumentalisiert erneut ein gewichtiges Thema zum dekorativen Ausstellen junger männlicher Körper. Sein abgeschmacktes Kostümdrama imaginiert Krieg in Postkarten-Ansichten voll idyllischer Landschaften und adretter Kulissen. Muskulöse Männer in Uniform und Met-Gala würdigen Kleidern und Make-up (angeblich notdürftig improvisiert) verkörpern homoerotischen Heroismus. Gefühle wirken so aufgesetzt wie die phrasenhaften Dialoge. Tränendrüsen-Taktik und monogamer Mainstream-Moralismus verformen Queerness zum formal und dramaturgisch gleichsam reaktionären Rührstück. 

Autor: Lida Bach
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