Inhalt
Zehn Jahre im Leben eines außergewöhnlichen jungen Mädchens, von ihrer Flucht aus Syrien nach Deutschland mit ihrer Familie, wo sie aufwächst und zur jungen Frau wird. Ein fesselnder Film über Exil, Hoffnung und Träume.
Kritik
Coming-of-Age-Story und Migrations-Chronik verknüpfen sich in Itab Azzams und Jack MacInnes Langzeit-Doku zu einem einfühlsamen Bild einer Jugend zwischen zwei verschiedenen Formen von Heimat. Welche davon diejenige wird, in der die junge Protagonistin Isra’a sich dauerhaft niederlässt, bleibt ungewiss in der behutsamen Beobachtung kindlicher Resilienz und erwachsener Sehnsüchte. Ein Jahrzehnt begleitet das Regie-Duo die in Syrien geborene Hauptperson auf der gefährlichen Flucht nach Europa und Jahre später zurück in ein Heimatland, das vertraut und fremd zugleich ist.
Das Publikum begegnet Isra’a erstmals 2015 in Izmir, wo sie auf der Straße Zigaretten verkauft. Nach der Flucht aus Aleppo, wo ihre Wohnung bei einem Bombenangriff zerstört wurde, hofft ihre Familie, eine sichere Zukunft in Deutschland zu finden. Ihr Vater, der zur zentralen Präsenz neben seiner lebhaften Tochter wird, ist sich des Risikos schmerzlich bewusst. “Ich setze das Leben meiner Kinder aufs Spiel.”, sagt er in einem der Interviews, die als reflektives Gegengewicht der mit Handy und Handkamera aufgenommenen Flucht- und Alltagsszenen fungieren.
Der Weg über Griechenland und Serbien konfrontiert die hoffnungsvolle Protagonistin mit traumatischen Ereignissen, die ihre kindliche Unbeschwertheit überschatten. Dennoch bleibt das Miterleben des Kältetodes dreier Kinder der einzige ernsthaft bedrohliche Moment einer Reise, die wie die Ankunft in Deutschland fast zu gütlich verläuft. Ein Zeitsprung und die Familie hat eine Wohnung in Köln, wo die Kinder scheinbar glücklich zur Schule gehen. Der Ursprung des Gefühls von Fremdheit, das Isra’a als junge Frau zurück nach Aleppo zieht, bleibt ebenso vage das Innenleben ihrer Angehörigen.
Fazit
Krieg sei nicht das schwerste, das man durchleben könne, sagt die junge Protagonistin Itab Azzam und Jack MacInnes‘ Länder und Lebensabschnitte überspannenden Charakterporträts. „Es ist das, was danach kommt.“ Doch die vielschichtigen Herausforderungen dieses Danach, das rund die Hälfte des Geschehens einnimmt, bleiben überwiegend unklar. Schnitt und Struktur der zurückhaltenden Bildsprache folgen einem episodischen Rhythmus, dessen mal Monate, mal Jahre auslassende Zeitsprünge die emotionalen Entwicklungen nur schwer greifbar machen. So bleibt Isra’as einnehmendes Wesen die entscheidende Stärke der dokumentarischen Suche nach Zukunft und Zugehörigkeit.
Autor: Lida Bach