MB-Kritik

Vaterland 2026

Sandra Hüller
Hanns Zischler
August Diehl
Anna Madeley
Devid Striesow
David Menkin
Joachim Meyerhoff
Enno Trebs
Theo Trebs
Waldemar Kobus
Daniel Wagner
Fritzi Haberlandt
Milan Peschel
Joanna Kulig
Christophe Falconnet
David L. Price

Inhalt

Im Sommer 1949, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, begeben sich Thomas Mann und Erika Mann in einem schwarzen Buick auf einen anspruchsvollen und emotionalen Roadtrip, der sie quer durch ein in Trümmern liegendes Deutschland führt – vom US-amerikanisch dominierten Frankfurt bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar.

Kritik

Man spürt es geradezu vor Begeisterung hüpfen, das Bildungsbürger-Herz, wenn Sandra Hüller (Rose) in der Rolle der Erika Mann dem von Joachim Meyerhoff (Sörensen fängt Feuer) vorzüglich schleimig dargestellten Gustaf Gründgens (Fausteine knallt. Wenn Hanns Zischlers (Cranko) Thomas Mann den Wagner-Brüdern Wieland und Wolfgang (Enno Trebs, Theo Trebs, Fall for Me), die den Literatur-Nobelpreisträger für die Bayreuther Festspiele einspannen wollen, eine Abfuhr erteilt. Oder wenn im Prolog August Diehl (Herz aus Eis) als Klaus Mann - oder eigentlich doch mehr als Klaus Mann spielender August Diehl - seiner Schwester am Telefon sagt: „Wir sind Abschaum.“, und alle im Kinosaal in Cannes, wo Paweł Pawlikowskis im Wettbewerb Premiere feiert, sich mit heimlicher Selbstausnahme denken dürfen: Genau!  

Den ästhetischen und akademistischen Vorlieben des Publikums begreift und bedient der polnische Regisseur perfekt. Ebenso wie das Bedürfnis nach einer gegenwartsrelevanten Gewissensfrage und Gesinnungskritik, die weder das eine noch das andere ist, da sie den Zuschauenden stets bewusst die Möglichkeit bietet, sich mit den Guten zu identifizieren. Diese Guten sind im Handlungsjahr 1949 Thomas Mann (Zischler), der Deutschland 16 Jahre zuvor unter wachsender Bedrohung durch die Nazis verließ, und Tochter Erika (Hüller). Sie assistiert und unterstützt ihren Vater, der vor der düsteren Kulisse zerbombter Häuser gleich zwei Goethe-Preise annimmt. Einen in Frankfurt in der amerikanischen Besatzungszone und einen im sowjetisch besetzten Weimar. 

Manns Besuch, die doppelte Preisvergabe und selbst Details wie der Buick, in dem beide durch das Nachkriegsdeutschland, in dem die bevorstehende Teilung sich bereits deutlich abzeichnet, kutschiert werden, sind real. Nicht so die Präsenz Erikas, die als überzeugte Antifaschistin eine Begleitung ablehnte. Diese fiktive Verfrachtung konterkariert die scheinbare Würdigung der historisch und literarisch oft übergangenen Figur im Fokus Pawlikowskis mit Henk Handloegten (Sechzehneichen) verfassten Drehbuchs. Als hinter der gefassten Fassade emotionales Gegenbild zu Thomas Manns Narzissmus und Nüchternheit agiert und artikuliert die fiktionalisierte Erika die notwendige Wut über eine Gesellschaft, in der sich niemand als Täter fühlt und skrupellose Aufsteiger weiter Karriere machen. 

Eine Rückkehr auf vertrautes thematisches Terrain, auf dem sich Pawlikowski in Ida und Cold War bewegte ist auch das Szenario. Die sichtbaren Spuren des Krieges bilden einen bitteren Kontrast zu den elitären Exzessen im Westen während im Osten schon die nächste Diktatur auf faschistischen Spuren wandelt. Die unheilvollen Parallelen von Nazi-Prozessionen und Pionier-Aufzügen kommentierte Katia Mann, die Thomas in Wahrheit begleitete. Eine beklemmende Szene in einem Weimarer Hotel illustriert auf der Leinwand diese Wiederholung der Geschichte, der das illustre Protagonisten-Paar passiv zuzieht. Moralische Reinheit scheint unmöglich in einer von Fanatismus vergifteten Epoche, in der selbst ethische Instanzen nicht von Kollektivschuld frei sind.

Fazit

Strenge Schwarz-weiß-Aufnahmen, denen die harte Chiaroscuro-Ausleuchtung bisweilen expressionistische Züge verleiht, weisen auf die fiktiven Facetten der inszenatorischen Interpretation historischer Ereignisse. Methodik und Mechanismen der ideologische Instrumentalisierung von Kunst und Kultur sowie den Persönlichkeiten, die sie verkörpern, machen die Handlungsgegenwart zum dunklen Spiegel des vermeintlich überwundenen Regimes. Politische Analogien durchziehen den kargen Plot, in dessen dramatischer Reduktion sich Theatralik punktuell Bahn bricht. Kulturelle Identität wird zur Bühne der Selbstinszenierung und systemischen Vereinnahmung, während der Begriff „Heimat“ zum Abstraktum wird. Formal elegant und schauspielerisch geschliffenen atmet das konforme Kunstkino selbst den Geist patriarchalischer Restauration. Das Gestrige gedeiht in einem Heute, das keine Zukunft will. 

Autor: Lida Bach
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