6.5

MB-Kritik

Vivaldi und Ich 2025

6.5

Tecla Insolia
Michele Riondino
Fabrizia Sacchi
Andrea Pennacchi
Valentina Bellè
Stefano Accorsi
Alessandro Bressanello
Miko Jarry
Hildegard De Stefano
Paolo Rozzi
Federica Girardello
Cosima Centurioni
Chiara Sacco
Rebecca Antonaci

Inhalt

Im Venedig des 18. Jahrhunderts wächst die talentierte Violinistin Cecilia im Ospedale della Pietà auf – einem Heim für verwaiste Mädchen, das die dort lebenden Kinder in das Studium der Musik einführt und dessen Orchester weltweit angesehen ist. Bei ihren Auftritten für wohlhabende Gönner bleibt Cecilia stets hinter einer Maske verborgen: Sie soll nicht als eigenständige Person gesehen werden. Doch mit der Ankunft eines neuen Lehrers bekommt sie erstmals die Chance, der Enge ihres bisherigen Lebens und der Aussicht einer arrangierten Ehe zu entkommen. Antonio Vivaldi, der neue Leiter des Orchesters, ermutigt sie, ihren eigenen Weg zu gehen. Vorbei an den strengen gesellschaftlichen Regeln und mit der befreienden Kraft der Musik kämpft Cecilia um ihr Schicksal und ein Leben jenseits vorgezeichneter Rollen.

Kritik

Im vergangenen Jahr imaginierte Margherita Vicarios Gloria! die Geschichte der jungen Bewohnerinnen Venedigs größten und dank Antonio Vivaldis musikalischen Wirkens berühmtesten Waisenhauses Ospedale della Pietà als pseudo-feministisches Pop-Plattitüde. Das gegenüber der patriarchalischen Fantasy-Fanfare vergleichsweise geschichtstreue - obzwar ebenfalls fiktionalisierte - Pendant dazu liefert nun Damiano Michielettos musikalischem Spielfilm-Debüt. Dessen auf Tiziano Scarpas Erfolgsromans „Stabat Mater“ basierende Geschichte um Waisenmädchen Cecilia (Tecla Insolia), das dank Vivaldis Unterrichts musikalisches Talent entwickelt, erweitern Drehbuchautorin Ludovica Rampoldi (Il maestround der Regisseur zu einer quasi-biographischen Anekdote um den berühmten Barockkomponisten (Michele RiondinoInterstate). 

Der wird nach einjähriger Abwesenheit a die in das Waisenhaus integrierte Musikschule zurückgerufen, um den für die Institution essenziellen Konzerten zu neuem Erfolg zu verhelfen. Cecilia, die selbst mit 20 Jahren noch verzweifelt auf die Rückkehr ihrer Mutter hofft, gewinnt als seine Lieblingsschülerin bald sogar adelige Bewunderer. Doch da sie in Kürze gegen ihren Willen an einen reichen Gönner des Waisenhauses verheiratet werden soll, droht das Ende ihrer Musikkarriere. Dass Cecilia unbedingt in dem gefängnisartigen Waisenhaus verbleiben will, ist diametral entgegengesetzt zur Romanhandlung. 

Beide Szenarien wirken gleichermaßen konfus angesichts ihres widersinnigen Verhaltens. Unausgegoren und geprägt von patriarchalischen Klischees, die in tagebuchartigen Briefen an ihre Mutter direkt ausformuliert werden, ist Cecilias Charakterisierung eine der größten Schwächen der unebenen Handlung. Deren Interesse gilt mehr ihrem Lehrer. Sein Genie äußert sich durch die Musikerinnen, die vor seiner Ankunft mäßig spielen. Vivaldi erscheint als stereotypes fragiles Genie, dessen labile Physis mit seiner musikalischen und, entsprechend der reaktionären Untertöne, moralistischen Stärke kontrastiert. Dramaturgischen Dissonanzen überwiegen in der konventionellen Kombination von Doppelmoral und pseudo-emanzipierten Eskapismus. 

Fazit

Aparte Außenansichten Venedigs prachtvoller Bauten stehen gegenüber faden Studio-Settings in Damiano Michieletto gediegener Historien-Oper. Die erzählt hinter der kalkuliert zeitgemäßen Maske einer Geschichte feministischer Selbstermächtigung einmal mehr von männlicher Brillanz. Jene beherrscht in Form der klassischen Kompositionen Vivaldis selbst bei dessen Abwesenheit die inspirationsarme Inszenierung. Jene negiert weibliche Solidarität außerhalb von Mütterlichkeit, die als Maßstab weiblicher Integrität hochgehalten wird. Insolia und Riondino mangelt es an künstlerischer Chemie, um der romantisch angehauchten Beziehung Dynamik zu verleihen. Für klassische Musik kann die Romanverfilmung ebensowenig begeistern wie für Vivaldi. 

Autor: Lida Bach
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