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Mit Barbara – Becoming Shirin David versucht Netflix einen Blick hinter die Fassade einer der erfolgreichsten deutschen Popfiguren der Gegenwart zu werfen. Die Dokumentation begleitet Shirin David, mit bürgerlichem Namen Barbara Schirin Davidavičius, in einer Phase ihrer Karriere, in der Erfolg längst zur Normalität geworden ist. Arena-Touren, große Auftritte, Meetings mit Management und Crew sowie die permanente Beobachtung durch Öffentlichkeit und Social Media bestimmen ihren Alltag.
Kritik
Der Film setzt bewusst auf eine doppelte Perspektive: Einerseits zeigt er die perfekt funktionierende Maschinerie hinter der Marke Shirin David – Proben, Inszenierung, Planung. Andererseits soll er den Menschen dahinter sichtbar machen. Immer wieder spricht die Musikerin über den Preis ihres Erfolgs: über Hass aus dem Internet, über den Druck eines perfekten Selbstbildes und über persönliche Verletzungen.
Zwischen Backstage-Momenten, Gesprächen mit der Familie und Szenen aus ihrem beruflichen Alltag entsteht so das Porträt einer Frau, die sichtbar an der Spannung zwischen öffentlicher Figur und Privatperson leidet und arbeitet. Der Film stellt damit eine zentrale Frage:
Wer ist Barbara, wenn die Kunstfigur Shirin David einmal kurz in den Hintergrund tritt?
Die Antwort darauf fällt erstaunlich dünn aus. Denn obwohl Barbara – Becoming Shirin David vorgibt, einen intimen Blick hinter die Kulissen zu liefern, bleibt das Porträt der Person hinter der Marke unscharf. Der Film zeigt Emotionen, Tränen, Zweifel und Verletzlichkeit – doch die Ursachen dieser Gefühle werden meist nur angerissen. Wie Barbara eigentlich zur Musik gekommen ist, welche künstlerischen Impulse sie antreiben oder wie ihre Songs entstehen, erfährt man kaum. Für eine Dokumentation über eine Musikerin ist das eine merkwürdige Leerstelle. Die Kunst, die all diesen Erfolg überhaupt erst ermöglicht hat, wird erstaunlich selten zum Thema. Dabei liegt eine der eigentlich spannendsten Dimensionen dieser Geschichte fast offen auf dem Tisch:
Shirin David ist im Rampenlicht erwachsen geworden. Mit 19 startete sie auf YouTube – zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Menschen noch damit beschäftigt sind, ihren Platz im Leben zu finden. Stattdessen wurde sie unmittelbar mit den Mechanismen des Internets konfrontiert: Sichtbarkeit, Bewertung und öffentlicher Druck. Der Film deutet immer wieder an, dass diese Entwicklung Spuren hinterlassen hat. Junge Menschen orientieren sich auf der Suche nach einem eigenen Weg häufig an Vorbildern – nicht immer an den richtigen. Gerade Social Media produziert eine Welt aus Idealen, die weniger mit Realität als mit Inszenierung zu tun haben. In der Geschichte von Shirin David wird diese Dynamik besonders sichtbar.
Der Druck der digitalen Bewertungsgesellschaft
Nun, mit Anfang 30, wirkt der Film wie eine erste große Rückschau auf eine Karriere, die sich stellenweise weniger wie ein selbstbestimmter Weg anfühlt als wie eine Rolle, die über Jahre immer perfekter gespielt wurde. Der Versuch, in der Dokumentation wieder näher an die Person „Barbara“ heranzurücken, wirkt deshalb fast wie eine Suche nach einem verlorenen Ausgangspunkt. Gerade hier hätte die Dokumentation ihre größte Stärke entfalten können. Denn in dieser Geschichte steckt mehr als nur ein Promi-Porträt. Sie erzählt auch etwas über den gesellschaftlichen Druck, dem junge Menschen – insbesondere junge Frauen – heute ausgesetzt sind: über Schönheitsideale, über permanente Bewertung durch Öffentlichkeit und Social Media und über die Erwartung, einem künstlich geformten Idealbild zu entsprechen.
Stattdessen richtet sich der Blick immer wieder auf die Mechanik des Erfolgs selbst. Shirin David erscheint als extreme Perfektionistin, die jede Performance, jede Bewegung und jede öffentliche Wahrnehmung bis ins Detail kontrollieren möchte. Genau an diesem Punkt beginnt der Film, sich ungewollt selbst zu entlarven. Denn während die Dokumentation Authentizität verspricht, wirkt sie gleichzeitig so kontrolliert wie das Image, das sie zu hinterfragen vorgibt. Jede Szene scheint sorgfältig komponiert, jede emotionale Offenbarung präzise platziert. Das angeblich intime Porträt fühlt sich dadurch weniger wie eine Annäherung an die Person Barbara an als wie eine weitere Ebene der Selbstinszenierung.
Gefangen im System, das den Erfolg möglich macht
Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch. Der Film zeigt Shirin David immer wieder als jemanden, der unter Selbstzweifeln und dem Druck öffentlicher Erwartungen leidet. Gleichzeitig ist sie eine der erfolgreichsten Figuren genau dieses Systems: Influencerin, Unternehmerin, Marke. Dass diese Dynamik kaum reflektiert wird, gehört zu den auffälligsten Schwächen der Dokumentation. Statt sich ernsthaft mit der Logik dieser Erfolgsmaschine auseinanderzusetzen, bleibt der Film in einer seltsamen Zwischenposition hängen – zwischen Selbstkritik und Selbstvermarktung. So entsteht ein Porträt, das viel zeigt, aber wenig erklärt. Man sieht eine Karriere, eine perfekt funktionierende Maschinerie aus Management, Aufmerksamkeit und Kapital, aber kaum den Menschen dahinter und warum dieses „immer mehr“ so notwendig erscheint.
Am Ende bleibt weniger ein Blick in das Innenleben eines Menschen als ein Blick auf die Mechanismen einer modernen Popkarriere und auf eine Generation, die unter dem Dauerblick der Öffentlichkeit erwachsen geworden ist. Ein Blick, der viel über unsere Gegenwart erzählt, auch wenn der Film selbst diese Geschichte nie vollständig zu Ende denkt.
Fazit
"Barbara – Becoming Shirin David" möchte ein ehrliches Künstlerporträt sein, wirkt jedoch über weite Strecken wie eine kontrollierte Erweiterung einer ohnehin perfekt orchestrierten Selbstinszenierung. Der Film zeigt den Druck des Erfolgs, ohne ihn wirklich zu analysieren. Er verspricht Nähe, ohne sie tatsächlich einzulösen. Und er kündigt an, die Person Barbara sichtbar zu machen, bleibt dabei jedoch viel zu oft bei der Marke Shirin David stehen.
Autor: Mike Kaminski