Inhalt
Ein Krabbenkutter stößt in der Beringsee auf eine alte Raumkapsel und entfesselt damit eine schreckliche Bedrohung.
Kritik
Durch unzählige Science-Fiction-Filme haben wir gelernt, dass aus den Tiefen des Alls nur in den allerseltensten Fällen etwas Gutes kommt. Kometen, Aliens, Sporen, Artefakte – die Liste tödlicher Gefahren ist lang. In manchen Fällen muss die Bedrohung nicht einmal außerirdischen Ursprungs sein. Es reicht bereits aus, wenn etwas, das wir selbst ins All geschickt haben, den Weg zurück auf die Erde findet. Genau dieses Szenario greift der 2015 erschienene Horror-Sci-Fi-Mix Harbinger Down auf. Unter der Regie von Alec Gillis entführt uns der Film basierend auf einem von ihm selbst verfassten Drehbuch in die eisige Beringsee, wo zwei Biologiestudenten und ihr Professor gemeinsam mit der Besatzung eines Krabbenkutters auf das Wrack einer alten russischen Raumkapsel stoßen. Als sie den Fund an Bord holen, ahnt zunächst niemand, dass sie damit ihr aller Leben in Gefahr bringen.
Das hier zugrunde liegende Szenario einer isolierten Gruppe, die an einem entlegenen Ort gegen eine fremdartige Bedrohung ums nackte Überleben kämpfen muss, ist für Science-Fiction- wie auch Horror-Fans altbekannt und besitzt innerhalb der beiden Genres eine lange Tradition. Nichtsdestotrotz birgt dieses Setup – sofern die Karten clever ausgespielt werden – nach wie vor enormes Potenzial, um für intensive Unterhaltung zu sorgen. Und mit Blick auf den gewählten Schauplatz macht Harbinger Down zunächst auch einen durchaus vielversprechenden Eindruck. Denn der Krabbenkutter, auf dem die komplette Handlung angesiedelt ist, wirkt wie eine nautische Version des aus Ridley Scotts Meisterwerk Alien bekannten Raumfrachters Nostromo. Der Kahn ist feucht, rostig, die Gänge sowie Räume sind beengt und nichts, aber auch gar nichts schreit nach Bequemlichkeit oder Luxus. Mit anderen Worten: ein Ort, an dem man sich selbst abseits eines Horrorfilms nur bedingt wohlfühlen würde.
Aber selbst der stimmungsvollste Schauplatz hilft wenig, wenn das Drehbuch nicht in der Lage ist, die vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Und genau hier offenbart Harbinger Down seine größten Schwächen. Zwar gelingt Gillis ein durchaus atmosphärischer Einstieg, und die Untersuchung des kosmonautischen Fundes sowie die daraus erwachsende Bedrohung funktionieren ebenfalls. Es dauert jedoch nicht lange, bis die anfänglich noch vorhandene Dynamik verloren geht und der Spannungsbogen trotz des einsetzenden Grauens spürbar abflacht. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Handlung deutlich an John Carpenters Alien-Horror The Thing orientiert, ohne dabei dessen von Paranoia geprägtes Bedrohungsszenario auch nur ansatzweise reproduzieren zu können. Ein im späteren Verlauf einsetzender Plot-Twist will ebenso nicht zünden und fühlt sich – anstatt die Handlung dramaturgisch aufzuwerten – gleichermaßen unnötig wie an den Haaren herbeigezogen an.
Das größte Manko des Films stellen allerdings die Figuren dar. Die vorkommenden Charaktere sind entweder unsympathisch, überzeichnet oder wirken schlicht zu wenig ausgearbeitet (das schließt auch die weibliche Hauptfigur ein). Erschwerend hinzu kommt, dass die Darsteller*innen – abgesehen von Lance Henriksen (Terminator), der hier in einer Nebenrolle wie gewohnt zu überzeugen weiß – wenig Ausstrahlung besitzen und sich schauspielerisch bestenfalls auf akzeptablem Niveau bewegen. Die Kombination aus beidem ist fatal und wiegt deshalb so schwer, weil ein Szenario wie dieses maßgeblich davon lebt, dass das Publikum mit den beteiligten Personen mitfiebert. Doch genau dieses Mitfiebern bleibt bei Harbinger Down leider nahezu gänzlich aus, weswegen sich der Nervenkitzel in überschaubaren Sphären bewegt.
Vor diesem Hintergrund fallen inszenatorische Schwächen wie z. B. eine Kamera, die bei den Dialogen häufig ein Stück zu nah am Geschehen ist oder in den Actionszenen zu unruhig wird – wodurch in beiden Fällen die Übersicht leidet – kaum noch ins Gewicht. Womit Harbinger Down hingegen punkten kann, sind seine plastisch wirkenden Spezialeffekte. Kein Wunder, schließlich kommt Alec Gillis eigentlich aus dem Bereich der Makeup- bzw. Special Effects und hat in diesem Zusammenhang an Werken wie Jumanji, Hollow Man, Alien vs. Predator oder The Thing (2011) mitgewirkt. Tatsächlich ist es sogar so, dass Harbinger Down vorrangig deshalb existiert, weil Gillis‘ Arbeit an The Thing seitens des verantwortlichen Studios torpediert wurde, indem ein Großteil der handgemachten Effekte nachträglich durch CGI ersetzt wurde. Als Gillis im Nachhinein Impressionen seiner eigentlichen Arbeiten öffentlich zugänglich machte, waren Filmfans begeistert.
Der Zuspruch animierte den Effektkünstler wiederum dazu, eine Kickstarter-Kampagne zu initiieren, um Geld für einen eigenen Film (Harbinger Down) zusammenzutragen. So viel zur Entstehungsgeschichte. Jedenfalls wird es schleimig, schmierig und auch ein wenig blutig. Die Qualität großer Genre-Vorbilder wie Alien oder des bereits erwähnten The Thing wird hier zwar keinesfalls erreicht – dafür war das nie öffentlich bekannt gegebene Budget (via Kickstarter konnten etwas mehr als 384.000 USD zusammengetragen werden) mit Sicherheit deutlich zu knapp bemessen – aber Fans von handgemachten Effekten dürften sich dennoch zufrieden zeigen. Trotzdem bleibt die Frage im Raum, welches Potenzial Harbinger Down wohl entfaltet hätte, wenn sich Gillis ganz auf seine eigentliche Stärke – die Spezialeffekte – konzentriert und Regie sowie Drehbuch anderen überlassen hätte.
Fazit
Mit „Harbinger Down“ hat Alec Gillis trotz eines überschaubaren Budgets einen ambitionierten Sci-Fi-Horror-Mix geschaffen, der vor allem mit seinem stimmungsvollen Setting und den handgemachten Monstereffekten punktet. Demgegenüber stehen jedoch schwach gezeichnete Figuren, eine zumeist flache Spannungskurve sowie inszenatorische Defizite, die verhindern, dass der Überlebenskampf auch nur ansatzweise die Intensität erreicht, die man sich von einem solchen Szenario erhofft. Schade, denn so steht "Harbinger Down" ungeachtet des Ehrgeizes seines Regisseurs vor allem für eines: ungenutztes Potenzial.
Autor: Constantin Wieckhorst