Inhalt
Nachdem Jaqueline Zünd in Don't Let the Sun eine nahe Zukunft entworfen hatte, in der der Klimawandel das Leben und die Beziehungen der Menschen in Mitleidenschaft zieht, begibt sie sich auf die Suche nach eben dieser Dystopie in der realen Welt. Sie findet sie in der Persische Golf, wo die Temperaturen 50 °C übersteigen können und die Gesellschaft gespalten ist: in die wenigen Privilegierten, die sich schützen können, und die Migranten, die die Hitze ertragen müssen, um über die Runden zu kommen.
Kritik
Das sonnenverbrannte Szenario, das Jacqueline Zünd im vergangenen Jahr zum Rahmen ihres moralistischen Spielfilm-Debüts machte, dient ihr nun als Gegenstand einer dokumentarischen Dystopie. Deren Titel ist Programm: Im persischen Golf, wo Rekordtemperaturen von über 50° Celsius zur Norm werden, lässt die unerträgliche Hitze ökonomische und sozialstrukturelle Gefälle brutal eskalieren. Während die wohlhabende Mittelschicht und Elite sich in klimatisierten Wohnungen entspannen und in Pools erfrischen können, ist überwiegend migrantische Arbeiter- und Unterschicht den höllischen Temperaturen schutzlos ausgeliefert.
In Lastwagen und Lieferfahrzeugen ohne Klimaanlage können die Innentemperaturen bis zu 70 Grad steigen. Eine junge Arbeits-Migrantin aus dem globalen Süden hat es immerhin kühl bei ihrer Tätigkeit in der als Touristen-Attraktion ausgestellten Eisbar, doch der rapide Wechsel von winterlicher Kälte zu sengenden Temperaturen ist eine eigene Belastung für den Kreislauf. Materielle Machtverhältnisse manifestieren sich als unmittelbare körperliche Kondition. Doch dies ist weder eine Neuerscheinung der Klimakatastrophe, noch das singuläre Phänomen, das die ästhetisierte Inszenierung suggeriert.
Sowohl historisch als auch in der globalisierten Gegenwart sind die unteren sozialen Schichten physischen Belastungen und Risiken ausgesetzt, die für das Bürgertum und Elite als unzumutbar gelten. Doch dieser Kontext fehlt in den stilisierten Szenarien, die Zündts Erstlingswerk Don‘t Let the Sun auch optisch auffällig ähnlich sehen. Gleißende Oberflächen, Hitzeflimmern und blendendes Licht machen die glühende Sonnenstrahlung in surrealer Schönheit sichtbar. Gelb und ausgebleichte Brauntöne dominieren die satte Farbpalette, die den Graben zwischen Wohlstand und Armut unterstreicht.
Fazit
Bald werden viele Gebiete der städtischen Schauplatzes aufgrund der fatalen Hitze unbewohnbar sein, resümiert einer der Charaktere Jacqueline Zündts dystopischer Doku. Jene ergibt mit ihrem Sci-Fi-Drama "Don‘t Let the Sun" einen thematischen Diptychon, den neben der abstrakten Ästhetik der moralistische Unterton und dialektische Didaktik eint. „… but nobody listens“, besagt das fatalistische Fazit, aus dem sich die Regisseurin, zugleich Zuhörerin und (Weiter)Trägerin der Botschaft Implizit ausschließt. So grell die Sonne scheint, so dunkel bleiben die systemischen und politischen Zusammenhänge.
Autor: Lida Bach