MB-Kritik

Hijamat 2026

Nastassja Kinski
Derya Durmaz
Moritz Bleibtreu
Kida Khodr Ramadan
Nicolette Krebitz
Jael Cem Ilhan
Vedat Erincin
Aziz Çapkurt

Inhalt

Die Geschichte folgt Murad, dessen Leben erschüttert wird, als er erfährt, dass sein jüngerer Bruder schwul ist; er gerät dabei in einen Konflikt zwischen der Unterstützung seines Bruders und dem Druck der traditionellen Familie.

Kritik

Wenn Nader Saeivars (No End) konfessionelles Familiendrama schließlich die titelgebende Heilmethode vorführt, ist lange klar welche traditionalistischen Toxine den verschlossenen Protagonisten und seinen Verwandtenkreis vergiften. Für eine Story, die Konformismus und Traditionalismus als Ursache emotionaler und psychosomatischer Zerrüttung aufzeigt, zeigt die Handlung eine paradoxe Tendenz zu dramaturgischen und formalen Konventionen. Die inszenatorischen Schemata werden zur konzeptionellen Analogie der fundamentalistischen und familiären Zwänge, in denen sich der zwischen brüderlicher Zuneigung und Pflichtverständnis zerrissene Hauptcharakter gefangen sieht. Aus dem moralistischen Gefängnis betrachtet scheint praktische Freiheit ein fernes Abstraktum.

Diese herbe Erkenntnis belastet Murad (Kida Khodr Ramadan, TESTO) schon lange bevor eine folgenschwere Nachricht sein geregeltes Leben als Familienvater und Kleinunternehmer aus der Bahn wirft. Verfängliche Fotos zeigen seinen jüngeren Bruder Kerem (Jael Cem Ilhan) in sexuellem Verhältnis mit einem anderen Mann. Kerem plagen Schuldgefühle, die  ihn zu immer gefährlicheren körperlichen und psychischen Ausbrüchen bringen. Für ihren streng religiösen Vater (Vedat Erincin) ist die noch als Gerücht eingedämmte Enthüllung ein Schandfleck auf dem Familiennamen, den Murad bereinigen soll - wie bereits einmal in seiner eigenen Jugend. 

Die Parallelen zu Murads persönlicher Geschichte gibt sowohl seinem Einsatz für seinen kleinen Bruder eine tiefere Bedeutung als auch der dramatischen Konstellation. Zweite macht Kerem zugleich zu einem Spiegelbild Murads jüngeren Ichs und einer Prüfung der religiösen Toleranz, die er seinem kleinen Sohn vermitteln möchte. Die traumatische Biographie seiner kosovarischen Gattin Leyla (Nicolette Krebitz, Das Licht) katalysiert diese Verbindung zu einer Vergangenheit, die laut Leyla, nie zurückkehrt - und dennoch unterschwellig ständig präsent scheint. Wenn sich die Vergangenheit auch nicht zurückholen lässt, lässt sie sich womöglich abschließen. 

Fazit

Die verzweigten Mechanismen gesellschaftlichen Konformismus und die unüberwindbare Kluft zwischen gemeinschaftlicher und individueller Loyalität markieren die diffizilen Themen Nader Saeverins ambitionierter Mischung aus Milieustudie und Charakterdrama. Dessen differenzierter Plot untersucht die feinen Abstufungen sozialer und spiritueller Konzepte: Glaube und Fundamentalismus, biologische und seelische Verwandtschaft, Moral und Moralismus. Das trügerisch tolerante urbane Umfeld entpuppt sich als marode Fassade familiärer und gemeindlicher Repression. Dunkle Farbgebung und geschlossene Räumen verstärken die Atmosphäre emotionaler Einengung, deren perfideste Form internalisierte Ängste sind.

Autor: Lida Bach
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.