MB-Kritik

Magilligan 2026

Inhalt

Zwischen den allzu vertrauten Gefängnismauern und dem Haus seiner Mutter kämpft Ryan mit sich selbst – und findet schliesslich Zuflucht bei den Schafen auf den grünen Feldern Nordirlands. Ross McClean (No Mean City, VdR 2025), dessen Urgrossvater ebenfalls Unionist war, schenkt seinem Protagonisten einen Freiraum, eine freundschaftliche, gütige Umarmung, eine Möglichkeit, seinem vorherbestimmten Schicksal zu entgehen.

Kritik

“You’re locked up here, you’re locked up outside.”, sagt der junge Protagonist Ross McCleans (Hydebank) harschen Langfilm-Debüts in einem aufgezeichneten Video-Call während seiner Zeit im Belfaster Hydebank Gefängnis. Dort drehte der irische Regisseur 2019 seinen gleichnamigen Kurzfilm über den Alltag der Insassen der als “Idealmodel” gelobten Haftanstalt. Einer von ihnen ist Ryan, der wegen einer Gewalttat einsitzt und mit seiner von Substanzabhängigkeit und familiärer Gewalt geprägten Vergangenheit ringt. Sein bitteres Fazit bewahrheitet sich bedrückend, als seine Entlassung ansteht.

Hinter Gittern gaben die Routine und Struktur des progressiven Hydebank Wood Young Offenders Centre, das zugleich als Ausbildungsstätte fungiert. Zudem besitzt die einzigartige Haftanstalt einen landwirtschaftlichen Bereich mit Bienenkulturen, Ziegen, einem Pony und rund zwei Dutzend Schafen. Letzte sind ein rehabilitativer Ruhepunkt für Ryan, der im Versorgen der Schafe Sinnhaftigkeit und einen Ausgleich zu unverarbeiteten Aggressionen findet. Wenn die unaufdringliche Handkamera ihn beim Füttern der Schafe durch das Gatter betrachtet, wird der Verschlag zu einem paradoxen Freiraum.

Der Mangel solcher stützender Strukturen draußen zeigen sich abrupt, als die alten Dämonen wieder in Ryan erwachen. Seine Straftat wird nur umschrieben, doch die intimen Gespräche zwischen Regisseur und Protagonist lassen eine verstörende Brutalität erahnen. Die Gewaltbereitschaft erscheint als toxisches Familienerbe, das in der angespannten Beziehung zu seinem Vater gärt. Zu jener schwelenden Wut bildet die malerische Ruhe der irischen Landschaft einen melancholischen Kontrast. In ihrer kühlen, matten Farbpalette liegt ein Versprechen der Freiheit, die noch unerreichbar scheint. 

Fazit

Psychologisches Gespür und atmosphärische Verdichtung formen das unterschwellige Momentum Ross McCleans dokumentarischer Charakterstudie, deren Fokus auf Nordirlands Arbeiterklasse an seine Kurzfilm-Arbeiten anknüpft. Mit minimaler dramatischer Zuspitzung untersucht die zwischen Milieuskizze und Persönlichkeitsporträt oszillierende Inszenierung die Faktoren, die dem jungen Hauptcharakter Stabilität geben und nehmen. So einnehmend der visuelle Diskurs zwischen Weite und Enge, im räumlichen und soziologischen Sinn, erscheint, so zwiespältig bleibt die latente Idealisierung der Haft-Institution und apologetische Empathie einer Autoren-Tradition, die männliche Täter zu faszinierenden Opfern stilisiert. 

Autor: Lida Bach
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