Inhalt
Eine Tankstelle in Amerika. Zwei Aussenseiter:innen ringen um einen kleinen Raum: Maya, nepalesische Einwanderin, arbeitet nachts; Danny, Schwarzer Veteran ohne Obdach, sucht Wärme. Um sich ihren Platz zu erkämpfen, greift Maya erst zum Gesetz, dann zur Waffe.
Kritik
Der symbolreiche Schlüsselort Deepak Rauniyars kammerspielartiger Allegorie ist ebenso direkt verständlich wie als Synonym einer soziale Sphäre von Respekt, Legalität und Legitimation. Eine Tankstelle irgendwie in den USA, hinter deren Parkplatz einige Obdachlose campen. Sie haben verloren, was die nepalesische Protagonistin (Asha Magrati, Pooja, Sir) sich hart erarbeitet hat: Den Zugang zu diesem eklektischen, exklusiven und bitter essenziellen Raum. Ihn zu gestatten bedeutet für Maya (Magrati) die Auflösung einer (über)lebenswichtigen ideellen Grenze. Deren eiserne Verteidigung bringt sie ebenso in Konflikt mit ihrem Gewissen wie mit einem der obdachlosen Menschen (Nick Sencey).
Wie alle Charaktere des konzisen Kurzfilms, der in Locarnos Nebensektion Pardi Di Domani debütiert, ist Danny Personifikation soziologischer Strukturen und abstrakter Konzepte. Letzter markantestes ist der „Amerikanische Traum“, demzufolge es jede*r mit harter Arbeit und Gesetzestreue zu etwas bringe kann. Maya glaubt an diesen Traum, der für sie scheinbar wahr geworden ist, obwohl der kleinste Fehler ihn gefährden kann. Als auf der Straße lebender Veteran ist Danny Dekonstruktion dieses Traums. Er hat wortwörtlich gekämpft, und doch verloren. Er kann seinen Kaffee nicht bezahlen und will sich trotzdem drinnen aufwärmen.
Indem Maya ihn hinaus in die soziale Kälte symbolisierende Winternacht schickt, bestärkt sie ihre eigene Position als Modell-Immigrantin. Sie arbeitet ununterbrochen und lernt dabei noch makelloses Englisch. Wenn ein Polizist beim Kaffee-Bezahlen ihr beiläufig Grammatik-Hinweise gibt, erinnert dies an die behördliche und soziale Observation, der sie ständig ausgesetzt ist. Doch Überwachung bedeutet nicht Sicherheit, darum will Maya sich diese nach einer bedrohlichen Erfahrung mit einer Glock selbst verschaffen. Rechts-populistische Ikonographie in Politik und Pop-Kultur unterstreicht die systemkritische Schärfe Deepak Rauniyars parabolische Momentaufnahme.
Fazit
Verweise auf" Taxi Driver" und Donald Trump im TV deuten auf Deepak Rauniyars Bewusstsein für die weitreichenden Verstrickungen der alt-right Dogmen im medialen Alltag (nicht nur) der USA. In unprätentiöser Optik untersucht der nepalesisch-amerikanische Regisseur die Infoktrination republikanischer Propaganda auf die Gesellschaftsgruppen, die ihm am kritischsten gegenüberstehen sollten. Auch wenn die Symbolik seines Slice-of-Life-Shorts bisweilen zu plakativ ausfällt, versprechen dessen thematische und soziologische Ambitionen eine spannende Langfilm-Fassung. Für die wirkt die prägnante Vigilantismus-Vignette wie eine Vorlage; halb sozialpolitische Parabel, halb Pitch.
Autor: Lida Bach